Duisburg: Holocaust-Überlebende hält Vortrag im Abtei-Gymnasium

Als Jüdin während der NS-Zeit: Eine Kindheit voller Hass, Angst und Tod

Die israelische Künstlerin Sara Atzmon hat als Kind den Holocaust und das NS-Regime überlebt. In einem autobiografischen Vortrag berichtete sie Schülern des Abtei-Gymnasiums von ihren Erlebnissen.

Sara Atzmon hat die dunkelsten Stunden der Deutschen Geschichte am eigenen Leib erfahren. Die israelische Künstlerin überlebte den Holocaust und die Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland. Am Donnerstag berichtete die 85-Jährige ihre Erlebnisse Schülern des Abtei-Gymnasiums in Hamborn. Es war ein Vortrag gegen das Vergessen und über eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.

Wie Thomas Regenbrecht, Schulleiter des Abtei-Gymnasiums sagte, sei der Zeitpunkt des Besuchs von Sara Atzmon nicht zufällig gewählt. „Heute vor genau 80 Jahren wurde in ganz Deutschland eine Tat vorbereitet, die von Fremdenfeindlichkeit, Hass, Antisemitismus und Nationalstolz geprägt war“, sagte Regenbrecht und spielte auf die Reichspogromnacht an, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stattfand.

Menschen sind damals durch Städte gezogen und haben Läden, Wohnungen und öffentliche Plätze des jüdischen Lebens verwüstet. Alleine in NRW sind in dieser Nacht 137 Menschen ums Leben gekommen. „Alles nur, um den Juden deutlich zu machen, dass sie nicht in dieses Land gehören“, sagte der Schulleiter. Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges wurden über sechs Millionen Juden ermordet. „Nur Wenige haben überlebt“, so Regenbrecht. Deshalb sei er froh, dass Atzmon seinen Schülern von den Gräueltaten berichte. Sara Atzmon hatte keine schöne Kindheit. Die Künstlerin wurde im Jahr 1933 in Ungarn als 14. von 16 Kindern geboren. Als sie sieben Jahre alt war, wurden ihr Vater und vier ihrer Brüder zur Zwangsarbeit eingezogen. „Wir mussten alle unsere Wertsachen abgeben“, sagte sie. Deshalb hätte ihr Vater teilweise Wertgegenstände in Brot eingebacken, um sie vor den Nazis zu verstecken. Gelebt habe die Familie lange Zeit in einem Ghetto, mit anderen Juden, zusammengepfercht von den Nazis und ihren Schergen. „Fünf große Familien hausten in einer Zwei-Zimmer-Wohnung“, berichtete Atzmon.

Sara Atzmon hat einige Arbeits- und Konzentrationslager von innen gesehen. Im Jahr 1944 wurde die Familie mit einem Kindertransport nach Auschwitz deportiert. An der polnischen Grenze hielt der Eisenbahnzug an und – nach einem Aufenthalt von einigen Tagen – fuhr er zurück nach Österreich ins Arbeitslager. Im November 1944 wurde die Familie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht. Dort waren viele holländische Juden untergebracht, unter anderen auch Anne Frank.

„Bergen-Belsen war eine Hölle“, sagte Atzmon und beschrieb detailliert die Zustände in dem Konzentrationslager. Es gab wenig Nahrung – oft nur ein Stück Brot oder Suppe aus Kartoffelschalen. Jeder Zweite, der dort hingekommen sei, sei gestorben. Am schlimmsten seien die Kälte und die vielen Leichen gewesen, die überall herumgelegen hätten. Freunde habe sie zu dieser Zeit keine gehabt. Zum Zeitvertreib habe sie mit ihren Geschwistern gewettet, wer morgen und wer übermorgen stirbt. In diesem Lager verbrachte die Familie knapp ein halbes Jahr. Dann wurde sie von amerikanischen Soldaten befreit. Atzmon, im Alter von zwölf Jahren und mit einem Gewicht von 17 Kilogramm, bekam von den Rettern ihr Leben zurück.

  • Nettetal : Zeitzeugin spricht mit Schülern über Holocaust-Erinnerungen

Obwohl sie den Schuldigen von damals nicht vergeben kann, redet Atzmon heute ohne Hass über das Erlebte. Sie könne allerdings immer noch nicht verstehen, wieso 60 Mitglieder ihrer Familie in Lagern umgekommen seien. „Das waren keine schlechten Menschen“, sagte die 85-Jährige.

Als Kind wollte sie nach Kriegsende auf gar keinen Fall an die schlimmen Bilder zurückdenken. Später hat Atzmon angefangen zu malen, um ihre Erinnerungen verarbeiten. „Jeder muss wissen, was damals passiert ist“, sagte sie.

Mit Auftritten wie im Abtei-Gymnasium will Azmon dafür sorgen, dass vor allem junge Menschen vom Holocaust erfahren. „Ich sehe es als meine Aufgabe an, das Erlebte weiterzureichen“, sagte sie. „Kinder müssen wissen, wohin Hass führen kann.“

An den Vortrag schließt sich ein mehrtägiger Kunst-Workshop mit den Schülern an. Die Präsentation der Arbeiten findet am 12. November um 18.30 Uhr Lehmbruck-Museum statt.

(jlu)
Mehr von RP ONLINE