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Duisburg: Hexion-Werk sucht Chemikanten

Chemie : Vom Drehscheibentelefon zum Windrad

Das Meidericher Hexion-Werk will unter anderem auch einige seiner Kühltürme erneuern und so in die Zukunft investieren. Der Hersteller von Kunststoffen für die Auto-, Flugzeug- und Windkraftproduktion sucht händeringend Chemikanten – es gibt aber zu wenig Fachkräfte.

Das alte, schwere Drehscheibentelefon war aus Bakelite. Inzwischen ist retro wieder in, und die alten Schätzchen können sogar im Internet gekauft werden.Wäre indes die 1905 in Meiderich gegründete „Gesellschaft für Teerverwertung“ (GFT) als Vorläufer der späteren Bakelite-Werke nicht dem Strukturwandel gefolgt, gäbe es den Chemiestandort in Meiderich schon lange nicht mehr. So aber steht dort heute noch ein Werk, in dem 400 Menschen beschäftigt sind, allein 69 davon im Bereich Forschung und Entwicklung.

„80 Prozent der von uns hergestellten Kunststoffe gehen in die Produktion von Rotorblättern für Windkraftanlagen“, sagt Hexion-Geschäftsführer Klaus Alhorn. Die seien noch immer weltweit nachgefragt, zuletzt auch verstärkt aus China. Das alte Bakelite, früher „Stoff der 1000 Möglichkeiten“ genannt, findet sich aber auch wieder im Automobil- und Flugzeugbau – häufig aber eher versteckt und damit fürs Auge eigentlich unsichtbar. Natürlich nicht in seiner alten Form als Nebenprodukt der Teerölchemie, sondern in Form moderner Composit-Kunststoffe. Basis sind Epoxidharze, die durch chemische Prozesse zu Kunstharzen umgewandelt werden. Und hier setzt die Arbeit von Gabriel Badini an, dem Leiter für Forschung und Entwicklung bei Hexion in Meiderich. Badinis Job ist es, die Kunststoffe immer leichter zu machen und gleichzeitig die Belastbarkeit und Festigkeit des Stoffs zu optimieren. „Immer mehr ersetzen Kunststoffe Stahl oder Aluminium“, so Badini. Ein Flugzeug, das mit einem hohen Anteil der modernen Kunststoffe hergestellt wurde, könne eben einfach noch ein paar mehr Sitzplätze bei gleichem Gewicht unterbringen. Und ein Auto auf Kunststoffbasis ist deutlich leichter als in der herkömmlichen Variante und ist deshalb im Betrieb deutlich emissionsärmer. Überhaupt ist „green chemistry“ ein wichtiges Thema für Hexion. Das beinhaltet sowohl die Herstellung als auch ein späteres Recycling. Im Idealfall, so Badini, können recycelte Kunststoffe bei der Herstellung neuer Produkte mit verwendet werden. Für ihn spielen drei W – „Wind, Water, Weight“ – die Schlüsselrolle. Zum einen die Windenergie, zum anderen lösemittelfreie Harze auf Wasserbasis und möglichst leichte Stoffe.

Die dazu nötigen Arbeitsprozesse erfordern Fachkräfte, insbesondere Chemikanten. Und die sind oft gar nicht so leicht zu bekommen. Zurzeit gibt’s bei Hexion eine Unterbesetzung von fünf Chemikantenstellen. Und auch die Nachwuchsgewinnung ist schwieriger geworden. „Unternehmen müssen die Bewerber begeistern“, sagt Hexion-Personalleiter Sven Jachtmann. Er weiß: „Wir sind halt nicht das einzige Chemieunternehmen in der Region.“ Frank Dittrich, Leiter der Aus- und Weiterbildung, will daher bei Jugendlichen nun noch früher ansetzen als üblich. „Schulpraktika und Berufserkundungstage setzen häufig schon zu spät an. Deshalb wollen wir in Kooperation mit dem Ingenhammshof und der Gesamtschule Meiderich an Fünftklässler herantreten, um sie für Naturwissenschaften zu begeistern.“

Ein altes Drehscheibentelefon aus Bakelite. Die Herstellung dieser Kunststoffverbindung war lange Markenzeichen der Meidericher Werke. Foto: Pixabay
Heute versorgen die Werke Windkraftanlagen. Foto: dpa/Jens Büttner

Mit Investitionen in neue Kühltürme, die die alten aus den 70er Jahren ersetzen sollen, will sich das Hexion-Werk auf die Zukunft vorbereiten. Die zukunftsgerichtete Ausrichtung von Hexion hat es auch Duisburgs neuem Wirtschaftsdezernenten Andrée Haack angetan: „Die Stadt sieht sich als Partner der Wirtschaft und unterstreicht dies durch die Schaffung der Dezernentenstelle nur für diesen Bereich. Das gibt’s in anderen Großstädten nicht und ist doch ein positives Signal. So etwas muss doch auch mal kommuniziert werden. Das sei auch in der öffentlichen Sichtweise so: „Zu viel Marxloh, zu wenig Innenhafen“ – so könne man die Außenwahrnehmung der Stadt Duisburg beschreiben, so Haack.

(mtm)