Duisburg: Hermann Fliess & Co. GmbH belifert die ganze Welt

Familienunternehmen Fliess : Drahtzieher beliefern die ganze Welt

Die Hermann Fliess & Co. GmbH produziert in Neuenkamp Drahtelektroden und Schweißstäbe für Stahl. Zum Einsatz kommt dabei ein altes Verfahren, das schon im 16. Jahrhundert per Hand durchgeführt wurde: das Drahtziehen.

Lautstark rattern langgezogene gelb-blaue Maschinen vor sich hin. Die Luft ist schwül. Fast jeder Zentimeter des hellgrauen und fleckigen Bodens ist voll gestellt. Bis unter das Dach stapeln sich Paletten und Spulen, die aus Stahldrähten bestehen. Die Produktionshalle des Schweißdrahtherstellers Hermann Fliess in Neuenkamp ist der Mittelpunkt eines traditionsreichen Familienunternehmens. Im Rahmen der Reihe „Duisburgs Oberbürgermeister im Wirtschaftsdialog“ war unter anderem OB Sören Link am Donnerstag zu Gast.

Das Unternehmen Hermann Fliess befindet sich bereits in den Händen der vierten Generation. 1915 wurde es gegründet, seit 1923 produziert der Schweißdrahthersteller seine Produkte im Neuenkamp und beliefert von dort in- und ausländische Unternehmen. Im September 2009 verursachte ein schwerer Brand einen Schaden in Höhe von rund zwölf Millionen Euro. „Die gesamte Produktion war zusammengebrochen“, erinnert sich Ralf Meurer, Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, die das Familienunternehmen beim Neuaufbau am Standort im Jahr 2010 unterstützte. Nach einer Umstrukturierung ging die Firma sogar gestärkt aus der Notlage hervor. Heute leitet Alexander Fliess als Geschäftsführer die Geschicke der Firma. Sein Vater Henning ist noch als Seniorchef aktiv.

Die Hermann Fliess & Co. GmbH stellt Drahtelektroden und Schweißstäbe für hochfeste und warmfeste Stähle her. Dabei kooperiert das Unternehmen eng mit namhaften deutschen Stahlwerken. „Von den Werken bekommen wir Walzen mit Stahldrähten, die noch bis zu fünf Millimeter dick und nicht rund sind“, erklärte Albrecht Borner. Der Technische Leiter ist seit 17 Jahren bei der Firma. „Nachdem wir den Draht ziehen und so dünner und runder machen, liefern wir unseren Kunden einen verpackten Stahldraht, der überall und ohne Ablaufstörungen einsetzbar ist.“

Je nach Endprodukt beim Kunden liefert das Unternehmen Stahl in verschiedenen Durchmessern und Legierungen. Die Schweißdrähte der Hermann Fliess & Co. GmbH werden auf der ganzen Welt benötigt – in Kraftwerken, Offshore-Konstruktionen, Brücken oder Windrädern. Kunden sind beispielsweise der Kranhersteller Liebherr oder die Firma Europipe, die Pipelines durch ganz Europa plant und umsetzt.

Die Produktion der Stahldrähte erfolgt immer nach dem gleichen Prinzip: Sogenannte Ziehsteine sorgen in mehreren Schritten dafür, dass der Draht dünner und runder wird. „Die Steine dienen als Loch, durch das der Stahl gepresst wird“, erklärte Geschäftsführer Alexander Fliess. „Am anderen Ende zieht ein rotierender Körper im hohen Tempo am Draht und sorgt dafür, dass er dünner wird.“ Dieser Prozess werde so oft wiederholt, bis der gewünschte Durchmesser erreicht ist. Vor dem Aufrollen auf einer Spule wird der Draht verkupfert. „Danach müssen unsere Mitarbeiter den Draht wie ein rohes Ei behandeln“, sagte Fliess. „Denn bei jedem Kontakt mit Flüssigkeit rostet der Draht sehr schnell.“ Letztlich wird der Draht dann teilweise zu ein Meter langen Einzelstücken weiterverarbeitet.

Die Auftragsbücher des Unternehmens sind voll. Seniorchef Henning Fliess berichtet, dass Osteuropa und Asien aufstrebende Märkte für die Firma seien. 65 Prozent der Produkte werden mittlerweile exportiert. „Das Siegel ‚Made in Germany’ ist ein Qualitätsmerkmal“, ergänzte Alexander Fliess. Chinesische Unternehmen kauften deutschen Stahldraht teilweise für den doppelten Kurs vom heimischen Markt ein. Das „Geheimrezept“ seien 50 chemische Analysen, mit denen der Stahl aus den Werken auf Reinheit überprüft wird, bevor dieser weiterverarbeitet wird.

Obwohl die Auftragsbücher voll sind, tut sich das Unternehmen schwer, geeignetes Fachpersonal zu finden. „Wir haben als mittelständisches Unternehmen keinen großen Namen und stehen bei Arbeitnehmern nicht so sehr im Fokus wie Großkonzerne“, sagte Borner. Wirtschaftsdezernent Andre Haack versprach Hilfen. Ausreichend verfügbare Arbeitskräfte gebe es in der Stadt – angesichts von fast 30.000 Arbeitssuchenden.

(jlu)
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