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Duisburg: Gregor Gysi in der Zentralbibliothek

Talk in der Zentralbibliothek : Die sieben Leben des Gregor Gysi

In der ausverkauften Zentralbibliothek erzählte der prominente Linken-Politiker aus seinem Leben und von seinen persönlichen Erfahrungen. Der gelernte Anwalt erwies sich als glänzender Entertainer und lebenskluger Beobachter.

Gregor Gysi mag als linker Politiker umstritten sein, ziemlich unbestritten ist, dass er der beste Entertainer des bundesdeutschen Politikbetriebs ist. Das wurde in der restlos ausverkauften Zentralbibliothek deutlich, die nach dem Besucherinteresse auch dreimal hätte gefüllt werden können, wie Bibliotheksdirektor Jan-Pieter Barbian sagte. Gregor Gysi zieht das Publikum an, quer durch die Generationen, quer auch durch die unterschiedlichen politischen Richtungen. Mit Ausnahme der AFD. Gysi gibt zwar mit einem Schmunzeln zu, dass es „auch in der CDU, ja sogar in der CSU anständige Menschen geben kann“, aber mit Vertretern der AFD möchte er auch privat keinen Umgang pflegen.

Gregor Gysi kann Fragen richtig beantworten, bevor sie noch gestellt werden, sagte Jan-Pieter Barbian bei seiner Begrüßung scherzend. Tatsächlich brauchte Gysi nur Stichworte, um eine Anekdote nach der anderen zu erzählen. Sein Stichwortgeber war der Berliner Publizist Hans-Dieter Schuett, der bereits mehrfach mit Gysi ähnliche Auftritte absolviert hat.

„Ein Leben ist zu wenig“ ist der Titel von Gysis Autobiografie, die sich zum Bestseller entwickelt hat und bereits in der neunten Auflage herausgegeben wird. Nach Gysis Auftritt am Mittwochabend kann man hinzufügen: Zwei Stunden sind nicht genug. Der Mann kann einfach herrlich erzählen. „Ich bin zur Selbstironie fähig“, sagt er, gibt aber im gleichen Atemzug zu, dass in dieser Selbstironie ein Quäntchen Arroganz steckt, weil er insgeheim hoffe, dass man die Selbstironie als Understatement interpretiert.

Sichtlich gerne erzählte Gysi von seiner Familie, die auf unterschiedliche Weise seine bislang „sechs Leben“ geprägt hat. Sechs Leben? Gysi meint damit seine Kindheit, seine Studienzeit, seine Zeit als Anwalt in der DDR, die Wendezeit 1989/ 90 und seine Zeit als neuer Bürger der Bundesrepublik. Das sechste Leben führe er in der Gegenwart. Diese Zeit sieht Gysi positiv. Mittlerweile seien die meisten Wunden aus politischen Schlachten verheilt, die Anfeindungen von einst seien selten geworden. Zwar treffe er politisch nach wie vor auf Widerspruch, doch menschlich fühle er sich akzeptiert.

Die Duisburger Zuhörer staunten nicht schlecht, als Gregor Gysi davon erzählte, wie Helmut Kohl ihm die Psyche seines Vaters Klaus Gysi erklärte. Vater Gysi war ein redegewandter Mann, der in der Nazizeit als Widerstandskämpfer viel Mut bewiesen hatte. Später als Funktionär in der DDR (er war u.a. Botschafter und Kulturminister) habe er sich ziemlich duckmäuserisch angepasst. Warum nur dieser Opportunismus? habe er sich lange Zeit gefragt. Helmut Kohl habe ihm geantwortet: Er wollte nicht einsam sein. Als Widerstandskämpfer in der Nazizeit sei er der Solidarität von Gleichgesinnten gewiss gewesen. In der DDR habe er gesinnungsmäßig in der Luft gehangen. Einen großen Raum nahmen im Duisburg-Abend auch Gregor Gysis Anwalt-Geschichten ein. Er sprach aber nicht über seine Strategien, mit denen er prominente Regimekritiker wie Robert Havemann oder Rudolf Bahro verteidigt hatte; vielmehr sprach er über eher kleine Fälle, bei denen er das Bestmögliche für seine Mandanten herausholen wollte und bei denen stets Wortwitz half. Bei einem ertappten Dieb, der aus taktischen Gründen nie das gesamte Bargeld, sondern stets nur einen Teilbetrag stahl, um die Geschädigten in dem Glauben zu lassen, sie hätten sich beim Bargeldbestand geirrt, habe er den Richter ermahnt, nicht die Intelligenz des Diebs extra zu bestrafen.

Am Schluss wies Gysi auf sein kommendes „siebtes Leben“ hin, das Alter. Für ihn stehe fest, dass er es genießen möchte. Und wieder gab er ein Beispiel: Als ihm jemand anbot, seine schwere Aktentasche zu tragen, habe er natürlich abgelehnt und gesagt: Das schaffe ich noch gut allein. Diese Reaktion sei aber falsch gewesen. Er hätte sagen sollen: „Gerne, und da steht auch noch ein Koffer!“