Duisburg: Grandioser Opern-Doppelabend

Premiere : Deshalb lieben wir die Rheinoper

Die Deutsche Oper am Rhein übernahm ihren Doppelabend „Petruschka“ und „L‘enfant et les sortilèges“, der bereits in Berlin und Düsseldorf lief, ebenso erfolgreich in ihr Duisburger Haus. Auch die Opernscouts waren begeistert.

Wie wehrt man sich gegen Misshandlung und Grausamkeit? Mit Flucht, wie der Clown Petruschka, der zusammen mit einer Akrobatin und einem Muskelmann auf dem Jahrmarkt zur Schau gestellt und gequält wird? Oder wie die Tapete, die Uhr und die Tiere, die ein unartiges Kind misshandelt und beschädigt hat? Das Wechselspiel von Freiheit und Kontrolle zeigen zwei musikalische Meisterwerke, nämlich die ziemlich perkussive, gut halbstündige Ballettmusik „Petruschka“ (1911/47) von Igor Strawinsky und der dreiviertelstündige, ziemlich melodiöse Operneinakter „L‘enfant et les sortilèges“ („Das Kind und die Zauberwelt“, 1917-25) von Maurice Ravel. Puppen zeigen darin Gefühle und Gegenstände sowie Tiere haben Mitgefühl.“

Diese beiden surrealen Handlungen auf eine konkrete Bühne zu bringen, war schon immer eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Komische Oper Berlin und die koproduzierende Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg hatten sich dafür wieder die britische Theatergruppe „1927“ geholt, die schon mir ihrer hiesigen Inszenierung der Oper „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart einen Kultabend schuf (die RP berichtete). Der Name bezieht sich auf jenes Jahr, in dem der Tonfilm erfunden wurde, den man damals für ein neumodisches und vorübergehendes Phänomen hielt. Ihr Zauberwort für die eigentlich leicht zu verstehenden, aber schwierig zu inszenierenden Musiktheaterwerke lautet: Animationen. Im Fall von „Petruschka“, das hier dezent modernisiert wurde, lautet es außerdem: Akrobaten. Die Trickfilme können Dinge, die aufgrund der Naturgesetze den realen Darstellern verwehrt bleiben, mit denen sie freilich in Wechselwirkung treten. Stellenweise „reagieren“ die Animationen - die entsprechend in hier zweimal 350 kleinen Abschnitten angesteuert werden - sogar auf die Menschen. Das singende „Kind“ hat ein stummes Double, damit es schneller die Position wechseln kann.

Das ist wieder wirklich klug und witzig gemacht, etwa wenn Petruschka aus der Handtasche einer Dame, die Karussell fährt, in die weite Welt fliegt. Oder wenn das Kind sich in der Teetasse vor den ansteigenden heißen Teefluten auf einem Stück Würfelzucker in Sicherheit bringt - auch vor der Zitronenscheibe, die dann darin herumschwimmt wie eine Haifischflosse.

Als Dirigent hält der Rheinopern-Kapellmeister Lukas Beikircher die vielen subtilen und oft solistischen Gesangs- und Instrumentalfäden in der Hand. Aus dem Orchestergraben lassen die bestens disponierten Duisburger Philharmoniker nicht weniger als kongeniale und auch wohlklingende Aufführungen der beiden komplexen Partituren erklingen. Die drei Akrobaten Tiago Alexandre Fonseca, Pauliina Räsanen und Slava Volkov erhalten stellenweise Szenenapplaus - was einerseits berechtigt ist, andererseits die Musik stört. Erstklassig sind auch die zehn Sängerinnen und Sänger, jeweils in bis zu drei Rollen, von Maria Kataeva als jungenhaftes Kind bis zu Florian Simson als karikierender, aber nicht zu greller Dr. Mathe, die Teekanne und der Frosch, nicht zuletzt Kinga Szilágyi als stummes, aber besonders agiles Kind-Double. Die Solisten sowie der von Sabina López Miguez einstudierte Kinderchor am Rhein und der von Patrick Francis Chestnut ebenso großartig einstudierte Chor der Rheinoper befinden sich meistens hinter der Leinwand, werden aber von der Tontechnik ganz unauffällig in den klanglichen Vordergrund „gebeamt“.

Das muss man also erlebt haben – es ist eine jener ebenso rasanten wie poetischen Produktionen, wegen denen wir die Deutsche Oper am Rhein lieben.

Tickets für die Aufführungen am 20. und 25. Oktober sowie 14. November, 19.30 Uhr, und am 28. Oktober, 18.30 Uhr, sind im Internet unter karten@theater-duisburg.de erhältlich.

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