Duisburg: Filmwoche besticht durch Vielfalt

Zwischenbilanz der Duisburger Filmwoche: In eigener Sache: Die vierte Gewalt

Zwischenbilanz bei der Duisburger Filmwoche: Brisante Themen bestimmen genauso wie schöne Aufnahmen das diesjährige Programm des Festivals. Und immer wieder faszinieren einzelne Menschen. In diesem Fall: Obdachlose.

Fast jeder besitzt heute ein Handy. Wie es in unsere Hände kommt, gerät da leicht aus dem Blick. Der Film „Chinafrika.Mobile“ von Daniel Kötter, der jetzt auf der Duisburger Filmwoche gezeigt wurde, nimmt die Herstellungs- und Verkaufswege genau in den Blick. Gewissermaßen unter dem Motto: Vom Rohstoff zum Smartphone und wieder zurück. Kötter zeigt Minenarbeiter in Afrika, die unter lebensgefährlichen Bedingungen Kobalt schürfen, Angestellte, die in chinesischen Fabriken massenhaft Mobiltelefone herstellen und wiederum Händler in Afrika, die den Mobiltelefon-Schrott vermarkten möchten. Das Ganze erscheint als konfliktreicher Kreislauf, bei dem Menschen immer wieder Ausbruchsversuche unternehmen, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Daniel Kötters Dokumentation ist nüchtern und erhellend. Man lernt eine Facette des Weltmarktes kennen, an die ansonsten niemand beim Blick aufs Display denkt.

Einige verachten sie, andere haben mit ihnen Mitleid: Obdachlose. Die Filmemacherinnen Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht kümmern sich nicht um solche Einschätzungen. In ihrer 80-minütigen Dokumentation „Draußen“ porträtieren sie vier Obdachlose mit ihren bewegenden Lebensgeschichten. Die sind nicht rührend. Aber beim Film geht es auch nicht um Gefühlsduselei, auch nicht um soziale Anklage. Vielmehr werden in „Draußen“ vier höchst individuelle Menschen gezeigt, die halb selbstverschuldet, halb selbst gewollt ein Leben führen, das „unsereins“ niemals führen möchte. Die vier Obdachlosen im Film erscheinen dabei keineswegs als bedauernswerte Verlierer, vielmehr haben sie bisweilen erstaunliche Talente, die nicht nur für den Überlebenskampf wichtig sind, sondern das Leben schöner machen. Die beiden Filmemacherinnen haben es selber treffend beschrieben: „Wir zeigen eine andere, unbekanntere Seite dieser Menschen. Wir kommen den Protagonisten nicht als Obachlose, sondern als eigenständige Personen auf Augenhöhe nahe. Wir zeigen ihre Klugheit, Lebensweisheit und Kreativität.“

Beeindruckende Landschaftsaufnahmen: „Seestück“ ist eine Dokumentation, bei der man gerne zum geduldigen Zuschauer wird. Foto: Filmwoche

Menschen, Landschaft und Arbeit: das sind die drei Themenfelder, die Volker Koepp seit Jahrzehnten in seinen Dokumentarfilmen bearbeitet. Bei der Filmwoche stellt er seine 136-minütige Produktion „Seestück“ vor, für die er den gesamten Ostseeraum bereist hat. Koepp besucht mit seinem kleinen Filmteam Menschen, die er zum Teil schon vor Jahrzehnten vor die Kamera geholt hatte und zu denen er ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Er lässt den „einfachen Mann“ ebenso wie den gelehrten Professor und Umweltschützer zu Wort kommen. In „Seestück“ sind Bilder zu sehen, die mit Werken der Romantik um einen Schönheitspreis konkurrieren könnten. Es fehlt aber auch nicht der Blick auf Dinge, die nicht zum verklärten Idyll passen. Wobei Aufnahmen eines nächtlich erleuchteten Kreuzfahrtschiffes durchaus unterschiedlich interpretiert werden können. „Seestück“ ist eine Dokumentation, bei der man gerne zum geduldigen Zuschauer wird.

Der Film „Draußen“ porträtiert Obdachlose. Foto: Filmwoche
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Der Filmemacher Dieter Fahrer nimmt in seiner vorzüglichen Dokumentation „Die vierte Gewalt“ die aktuelle Presselandschaft und das Ringen um Qualitätsjournalismus in den Blick. Dabei porträtiert er Zeitungen und Medienunternehmen in der Schweiz, die sich in der gegenwärtigen Medienlandschaft behaupten müssen. Die Spanne ist da sehr groß. Dieter Fahrer zeigt zum einen seine Eltern, die sich gegenseitig gute Zeitungsartikel vorlesen, mitunter sogar für ihre private Textsammlung ausschneiden. Und manchmal nutzen sie das Zeitungspapier auch zum Einwickeln von Gemüseabfällen. Dann wiederum sieht man mit dem Film auf den Medienalltag, bei dem das Streben nach hohen Klickzahlen mitunter in Konkurrenz zur ausgewogenen Berichterstattung steht. Als „vierte Gewalt“ haben die Medien eine Verantwortung. Aber, so sagt ein Interviewpartner im Film, haben nicht auch die Leser und Konsumenten der Medien eine Verantwortung für den Erhalt der „Vierten Gewalt“? Und ganz nebenbei: Gehören nicht auch Dokumentarfilme zur Vierten Gewalt?

Infos zum weiteren Verlauf der Filmwoche unter www.duisburger-filmwoche.de