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Duisburg: Erinnerungen an die Gründung der Gesamthochschule Duisburg 1972

RP-Serie Anfangsjahre der Universität in Duisburg : Keine Betonklötze, sondern Keksdosen

Gesamthochschulen sollten den Zugang zum Studium erleichtern und für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen. Duisburg startete 1972. Erinnerungen eines Professors der ersten Stunden.

In Nordrhein-Westfalen tobte in den 1970er Jahren ein bildungspolitischer Krieg zwischen den politischen Parteien, vor allem seit der Deutsche Bildungsrat 1969 forderte, Schulversuche mit Gesamtschulen in die Wege zu leiten, auch um zu wissenschaftlich gestützten Ergebnissen zu kommen.

Als es dann um die Idee und Funktion der Gesamtschulen und der Gesamthochschulen (GH) ging, nahm die bildungspolitische Debatte erst recht Fahrt auf. Die Sozialdemokraten hatten die Überwindung des dreigliedrigen Schulsystems auf ihre Fahnen geschrieben. Für sie ging es vor allem um mehr Chancengleichheit, denn ein Studium bedeutete vor allem, Zugang zu Berufen zu haben. Das wiederum hielt ihre Gegner nicht davon ab, ihnen „Gleichmacherei“ vorzuwerfen.

Weniger Sorgen bereiteten dem Rektor der GH Duisburg die Befürchtungen einiger Kollegen und vieler Studierender, dass der „Deutsche Herbst“ von 1977 in Verlängerung gehen und der Terror der Rote Armee Fraktion (RAF) auch so manche Hochschule treffen könnte. Schließlich gab sich die RAF als linksextreme Organisation aus.

 Studierende auf dem Campus in Neudorf im Juni 1976. Die damalige Gesamthochschule stand für den Prozess des sozialen Ausgleichs.
Studierende auf dem Campus in Neudorf im Juni 1976. Die damalige Gesamthochschule stand für den Prozess des sozialen Ausgleichs. Foto: UDE UA D 09.1.25 Nr. 4
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Zwischen 1965 und 1985 fand in Nordrhein-Westfalen eine Transformation zur Hochschullandschaft statt. Darin spielte das Gesamthochschulkonzept eine wichtige, wenn nicht die entscheidende Rolle. In Verbindung mit den vorhandenen Hochschultypen des Landes, nicht zuletzt den traditionellen Hochschulen von Aachen über Münster bis Köln und Bonn, stand das Modell der Gesamthochschule vor allem für regionalen Strukturwandel und sozialen Ausgleich.

 Prof. Hermann Strasser in einer Aufnahme von 1978.
Prof. Hermann Strasser in einer Aufnahme von 1978. Foto: Hermann Strasser

Das sollten vor allem praxisorientierte, integrierte Studiengänge leisten, aber auch mehr Chancengleichheit durch einen verbesserten Zugang zu Bildung bieten. Der Politik ging es natürlich auch um einen zukunftsweisenden Standortfaktor von strukturell benachteiligten Gebieten, auch jenseits des Ruhrgebiets.

Die Gesamthochschulen sollten nicht nur den Zugang zum Studium erleichtern. Wie die Ruhr-Universität Bochum, die erste Hochschule im Ruhrgebiet, gegründet 1965, und die Technische Universität Dortmund, gegründet 1968, führten auch die Gesamthochschulen neue Studiengänge wie die Sozial- und Ingenieurwissenschaften ein.

Damit war im SPD-Land NRW, auch mit Johannes Rau als Ministerpräsident von 1978 bis 1998, ein bildungspolitischer Dauerstreit eröffnet.

Während in den neuen Universitätsstädten Bochum, Bielefeld, Dortmund und Essen riesige Betonklötze dominierten, überraschte mich in Duisburg die Umgebung von Wald und Wiesen, denn der Hauptstandort der Gesamthochschule befand sich zwischen Lotharstraße, A 3 und Mülheimer Straße.

Mit den Hochschulbauten ging damals ein Fortschrittsoptimismus, ein Symbol der progressiven Einstellung der Landespolitik, und die Vorstellung einher, mit den Betonburgen auch die inneren Organisationsabläufe der jeweiligen Institution in den Griff zu bekommen, wie die Forscherin zur modernen Architektur, Sonja Hnilica, rückblickend anmerkt. Allerdings blieb die Kritik nicht aus und ließ den baulichen Wagemut an manchen Stellen zum Größenwahn werden, wovon Duisburg allerdings weitgehend verschont geblieben ist.

Zwischen den einzelnen Uni-Gebäuden befand sich damals noch der Club Raffelberg, in dem die Tradition des Hockey- und Tennissports gepflegt wurde, der aber später zum Kalkweg in Duisburg-Wedau umzog.

In den 1980er Jahren entstanden zwischen Forsthausweg und Mülheimer Straße runde Gebäude, die wiederum durch halbrunde Teilgebäude verbunden waren. Diese so genannten „Keksdosen“ am Duisburger Campus galten als architektonische Meisterleistung des aus Österreich stammenden Architekten Fritz Eller. In ihnen sind nach wie vor neben der großen Mensa die einzelnen Fakultäten der Naturwissenschaften untergebracht.

1988 machte Eller auch als Architekt des neuen NRW-Landtags am Rheinufer in Düsseldorf von sich reden, bei dem sich wiederum halbrunde Gebäude um den kreisrunden Plenarsaal gruppierten. Und so blieb auch nicht aus, dass der eine oder andere Naturwissenschaftler in den „Keksdosen“ zum „Herr der Ringe“ wurde, der dort angeblich dabei wäre, die Geheimnisse des Universums wie Tolkiens Welt, die Fantasiewelt, zu enträtseln.

Auf der anderen Seite der Mülheimer Straße befindet sich nach wie vor der Duisburger Zoo. Zum spaßigen Vergnügen vieler Studierender stehen noch heute auf vielen Orientierungsschildern Zoo und Uni neben- oder untereinander, um das universitäre und das tierische Gehege zu finden.