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Duisburg: "Die Schallplatte" ist der älteste Plattenladen in Deutschland

„Wir sind eigentlich die Dinosaurier“ : Deutschlands ältester Plattenladen steht in Duisburg

In der „Schallplatte“ in Duisburg wird seit 1954 eine Scheibe gefeiert, die längst tot geglaubt war, und seit einigen Jahren ihr Comeback erlebt. Mittlerweile kommen nicht mehr nur Sammler in das Geschäft am Pulverweg.

Wer das kleine Geschäft am Pulverweg betritt, sieht sofort worum es geht. Überall sind Schallplatten, dazwischen führen zwei schmale Gänge durch den Raum. Geht es nach Wolfgang Hoffmeister befindet sich der größte Schatz seines Ladens jedoch an einem Schreibtisch in der hinteren Ecke. „Das ist unser Plattenpapst“, sagt Hoffmeister und meint seinen Mitarbeiter Rolf Kowalski. Es gibt aber noch einen größeren Star, und das ist „Die Schallplatte“ selbst. Hoffmeister ist seit eineinhalb, Kowalski immerhin seit 15 Jahren dabei. Doch das Geschäft gibt es seit 1954. Es ist der älteste Plattenladen Deutschlands.

Gottfried Haunzwickle hatte „Die Schallplatte“ damals noch am Sonnenwall eröffnet. „Das war eher so ein Schlager- und Klassikladen“, sagt Kowalski. Bei dessen Nachfolger Rainer Seehöfer hat Kowalski angelernt. Und blieb auch, als der Laden im Dezember 2019 nach 65 Jahren schloss und Hoffmeister an neuem Standort übernahm. „Ich hab hier ein Ladenlokal leerstehen gehabt“, sagt er. Mit restaurierten Möbeln hatte Hoffmeister vor 40 Jahren mal begonnen, das aktuelle Gebäude auch schon als Büro und Second-Hand-Laden genutzt. „Ich dachte: Platten, da kommen die Leute auch für her.“ Und der Plan ging trotz Corona auf. Das Duo kommt gut über die Runden.

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Während sich Hoffmeister selbst als „Musikverbraucher“ empfindet, ist Kowalski Fachmann. „Ich brauche keinen Computer, kein garnix. Ich weiß. Ich hab Wissen hier oben“, sagt er, zeigt auf seinen Kopf und lacht. Hoffmeister ist als Chef für den „Überbau“ zuständig. Die Regale, das Licht, die Buchhaltung.

Kowalski ist selbst Sammler. Mit zwölf hat er sich in Vinyl verliebt. Durch Bands wie Supertramp, Electric Light Orchestra und AC/DC wurde er zum Liebhaber. Dann kam die CD. „Die Leute haben alle ihre Platten abgebeben“, sagt er. Nur der harte Kern sei übriggeblieben. Mittlerweile erlebt die Schallplatte ein Comeback. „Jüngere Leute, so knapp 20, kommen hier rein und interessieren sich wieder für Vinyl“, sagt Hoffmeister. „Ich kenne auch Leute, die sich Schallplatten eigentlich wie Aktien kaufen“, sagt Kowalski

 An den Laden schließt sich ein verwinkelter Garten an. Dort sollen die Besucher beim „Record Store Day“ auch Live-Musik hören können.
An den Laden schließt sich ein verwinkelter Garten an. Dort sollen die Besucher beim „Record Store Day“ auch Live-Musik hören können. Foto: Marc Latsch

Ein Trend, den auch die Zahlen der Musikindustrie bestätigen. 2020 wurden in Deutschland ingesamt 4,2  Millionen Schallplatten verkauft, rund 22 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich die Zahl der Plattenverkäufe sogar versechsfacht. CDs wurden 2011 hingegen noch dreimal mehr als heute verkauft.

„Die Firmen dahinter sind schon maßgebend“, sagt Kowalski zum Comeback der Schallplatte. Viele Bands setzten wieder auf Vinyl, gerade während der Corona-Pandemie erschienen zahlreiche Live-Alben. Die Musikindustrie sieht zwei Gründe für den Erfolg der Schallplatte. Zum einen Liebhaber wie Kowalski, die den warmen Vinyl-Klang schätzen. Zum anderen sei dieser aber auch im Erfolg der Streaming-Dienste begründet, wie eine Sprecherin des Bundesverband Musikindustrie betont: „Menschen nutzen zum Musikhören heute alle zur Verfügung stehenden Formate und Kanäle, analog und digital.“ Neben dem Streaming werde somit auch „das ganz bewusste Musikhören, das mit dem Auflegen einer Schallplatte verbunden ist“ geschätzt.

Dieses bewusste Erlebnis wird am Samstag, 12. Juni bundesweit mit dem „Record Store Day“ gefeiert, an dem sich auch „Die Schallplatte“ beteiligt. Der Laden öffnet schon um 10 Uhr, es gibt Gratis-CDs von Vibravoid zum Plattenkauf und im sich wunderbar hinter dem Haus entlangschlängelnden Garten gibt es sogar Live-Musik. Um 18 Uhr tritt dort auf der Terrasse der Straßenmusiker Martin Marzipano auf.

Egal wie es in den kommenden Jahrzehnten mit der Schallplatte weitergehen wird, eins steht für Kowalski jetzt schon fest: Er bleibt ihr treu. „Streamen, ich weiß gar nicht wie das geht. Ich habe nichtmal ein Smartphone“, sagt er. Lieber erzählt er den „kleinen Mädchen“, die heute immer häufiger in den Laden kommen, weiter seine Geschichten von früher. „Wir sind eigentlich die Dinosaurier. Und lassen uns auch gerne so beschimpfen.“