Reaktionen auf Pläne von Thyssenkrupp in Duisburg „Schwächelt die Stahlbranche, wirkt sich das auf die ganze Wirtschaft aus“

Duisburg · Die Pläne von Thyssenkrupp, die Kapazitäten in der Stahlproduktion herunterzufahren und Beschäftigte zu entlassen, hat in Duisburg große Sorge ausgelöst. Am 30. April soll es nun eine Belegschaftsversammlung aller Standorte im Stadion geben.

Schon in der Vergangenheit waren Stahlarbeiter für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf die Straße gegangen.

Schon in der Vergangenheit waren Stahlarbeiter für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf die Straße gegangen.

Foto: dpa/Fabian Strauch

Die Ankündigung des Konzerns, die Stahlproduktion von zwölf Millionen Tonnen auf 9,5 oder neun Millionen Tonnen zu reduzieren, hat viele entsetzt und schockiert. Denn klar ist, dass dies mit dem Abbau vieler Arbeitsplätze bei Thyssenkrupp, wahrscheinlich auch bei HKM, verbunden ist – auch wenn es noch keine konkreten Zahlen dazu gibt. Dass dies zu einem Zeitpunkt kommt, zu dem gerade mit dem Bau der ersten Direktreduktionsanlage im Duisburger Norden begonnen wurde, lässt nichts Gutes erahnen.

Zwar sind betriebsbedingte Kündigung bis Ende März 2026 bei Thyssenkrupp Steel nach einer internen Vereinbarung ausgeschlossen, und auch danach soll der Arbeitsplatzabbau sozialverträglich vonstatten gehen, doch an der Einhaltung dieser Zusagen gibt es doch einige Zweifel. Am Tag nach der Bekanntgabe der Pläne gab es in Duisburg direkt die ersten Reaktionen.

Tekin Nasikkol, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Thyssenkrupp Steel.

Tekin Nasikkol, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Thyssenkrupp Steel.

Foto: dpa/Fabian Strauch

In einer Stellungnahme des Gesamtbetriebsrates von Thyssenkrupp Steel und der IG Metall NRW heißt es: „Wir fordern Zukunft statt Kündigung! Wir haben einen gültigen Tarifvertrag Zukunft Stahl 20-30 bis März 2026, der den Erhalt der Standorte und den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen regelt. Daran lassen wir nicht rütteln, da ziehen wir rote Linien“, so der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Tekin Nasikkol. Detlef Wetzel, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, forderte vom Konzernvorstand erst einmal ein Zukunftskonzept, bevor man in die Verhandlungen gehen könne. Die Belegschaft habe mit dem Abbau von 3000 Stellen in den letzten Jahren bereits ihren Beitrag geleistet.

„Die tausenden Mitarbeitenden sind das Rückgrat der Stahlindustrie in Duisburg und Duisburg ist das Herz der Stahlindustrie in Europa. Das muss auch in Zukunft so bleiben“, sagt Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link. „Die Rechte und Belange der Beschäftigten müssen uneingeschränkt gewahrt bleiben. Jetzt muss alles dafür getan werden, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Ich fordere daher das Management von Thyssenkrupp und HKM auf, den Geist und die Grundregeln der Montanmitbestimmung zu respektieren, um eine faire, rechtzeitige Beteiligung aller zu gewährleisten. Der Erhalt von Arbeitsplätzen in Duisburg muss neben den wirtschaftlich notwendigen Entscheidungen höchste Priorität haben.“

Bei der geplanten Produktion von klimaneutralem Stahl in Europa habe sich Duisburg mit an der Spitze dieses Prozesses positioniert. „Als Stadt setzen wir weiter auf die Transformation zu grünem Stahl“, so Link.

Habeck zu Besuch bei ThyssenKrupp in Duisburg
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Robert Habeck zu Besuch bei ThyssenKrupp in Duisburg

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Michael Rüscher, Wirtschaftsdezernent der Stadt Duisburg, fordert nun zeitnah Gespräche ein: „Nachdem die ersten Pläne zur Neuaufstellung von TKS Europe bekannt sind, müssen nun sehr zeitnah Gespräche zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite erfolgen. Insbesondere die vielen Beschäftigten in Duisburg haben es verdient, so schnell wie möglich und mit Sicherheit zu wissen, wie es nach der Beschäftigungsgarantie, die bis 2026 gilt, weitergehen soll.“

Mit Besorgnis hat auch die Niederrheinische Industrie- und Handelskammer reagiert: „Die Entscheidung von Thyssenkrupp Steel Europe trifft uns am größten Stahlstandort Europas ins Mark. Sie macht deutlich, wie sehr die politischen Bedingungen unsere Industrie belasten. Unsere Unternehmen verlieren im Wettbewerb an Kraft“, erklärte IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Dietzfelbinger.

Die hohen Energiepreise, die komplizierten Verfahren und die Vorgaben rächten sich nun. „Schwächelt die Stahlbranche, wirkt sich das auf die ganze Wirtschaft aus – weit über die Grenzen von Duisburg und NRW hinaus. Arbeitsplätze, Kaufkraft und Wertschöpfung gehen verloren. Das Tempo, mit dem die Politik auf die bekannten Probleme reagiert, ist inakzeptabel. Die De-Industrialisierung ist in vollem Gange. Bund und Land sind gefordert, unsere Unternehmen zu entlasten. Und zwar sofort“, forderte Dietzfelbinger.

Der Duisburger Bundestagsabgeordnete Felix Banaszak (Grüne) ist in Berlin auch Berichterstatter für die Stahlindustrie im Wirtschaftsausschuss. „Ich hätte mir wie viele Duisburger eine andere Entwicklung erhofft“, erklärte er am Freitag. Sie komme allerdings auch nicht gänzlich überraschend, schließlich werde am Standort schon seit einigen Jahren deutlich weniger Stahl produziert, als die Kapazitäten von knapp zwölf Millionen Tonnen zulassen würden. Schwarz sieht Banaszak deshalb aber nicht. Er schöpft aus den Kürzungsplänen im Gegenteil sogar eine gewisse Hoffnung: „Die jetzt angekündigte Anpassung der Produktionskapazitäten kann auch eine Chance sein, den Standort nachhaltig und profitabel aufzustellen – dafür braucht es aber das Commitment aller Beteiligten“, so der Grünen-Politiker.

Das Ziel könne nicht die schleichende Abwicklung der Stahlproduktion sein, sondern eine Neuaufstellung zur Sicherung des Standorts Duisburg.“ Der Stahlstandort Duisburg könne dauerhaft nur zur klimaneutralen Produktion erhalten bleiben. Die Transformation sei keine Gefahr, sondern „die große Chance für die Zukunft“. Banaszak: „Auch bei einer Anpassung der Produktionsvolumina müssen dem Bau der ersten Direktreduktionsanlage im Duisburger Norden weitere Schritte folgen.“

Eindeutige Forderungen stellt auch der Duisburger Bundestagsabgeordnete Mahmut Özdmeir: „Bei allem Verständnis für die Suche nach einer betrieblich sinnvollen Lösung, erwarten wir von der Vorstandsebene einen Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen, bevor wir überhaupt eine Diskussion über den sozialverträglichen Abbau von Arbeitsplätzen führen.“ Mit der ernsthaften Prüfung von Staatsbürgschaften oder der Förderung CO2-mindernder Techniken für Thyssenkrupp leiste die Politik mitnichten Subventionen, „vielmehr können wir damit die Herstellung gleicher Wettbewerbsverhältnisse auf dem Weltmarkt für unsere heimische Stahlindustrie gerade im Ruhrgebiet fördern“, so Özdemir.

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