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Duisburg: Die letzten Tage des Problemhauses

Stadt Duisburg sucht Alternativen : Die letzten Tage des Problemhauses

Bis zum 31. Juli müssen die Bewohner des sogenannten Problemhauses ausgezogen sein – sonst droht ihnen die Zwangsräumung. Die Stadt sucht für sie neue Unterkünfte. Die Stimmung im Haus ist überraschend friedlich.

Bis zum 31. Juli müssen die Bewohner des sogenannten Problemhauses ausgezogen sein — sonst droht ihnen die Zwangsräumung. Die Stadt sucht für sie neue Unterkünfte. Die Stimmung im Haus ist überraschend friedlich.

Es ist ruhig geworden in den Peschen in Duisburg-Rheinhausen. Nur vereinzelt spielen noch Kinder im Garagenhof des sogenannten Problemhauses. Zwei junge Frauen, die unter einem Baum sitzen, schauen ihnen dabei zu. Ein Baby schreit im Kinderwagen. Sonst ist nichts zu hören. Nicht mehr viel erinnert an die Zustände, die dort noch vor einigen Wochen für bundesweite, teilweise europaweite Schlagzeilen gesorgt haben. Es liegt kaum noch Dreck auf den Bürgersteigen vor dem Gebäude, auch die Müllberge sind verschwunden. Anwohner wechseln nicht mehr die Straßenseite, wenn sie an dem Haus vorbeikommen, so wie sie es zuvor meistens gemacht haben, weil sie fürchteten, von den Bewohnern beschimpft oder angegangen zu werden.

Viele Rumänen sind es auch nicht mehr, die in dem Gebäude leben. Man schätzt, dass es noch etwa 100 sind, die übrig geblieben sind von den ehemals bis zu 1400 Armutsflüchtlingen, die es zeitweise einmal gewesen sein sollen. Die meisten von ihnen sind nicht freiwillig gegangen. Der Hauseigentümer Branco B., eine vermeintliche Duisburger Rotlichtgröße, hat zu Jahresbeginn einen Großteil der Wohnungen räumen lassen. Er hat genug von den Bewohnern gehabt, die ihm nichts als Ärger bereitet haben sollen.

Bald werden auch die letzten Rumänen aus dem Problemhaus verschwunden sein. Bis zum Monatsende müssen sie raus sein. Diesmal auf Anordung der Stadt, nachdem sie das Haus in der vergangenen Woche für unbewohnbar erklärt hat. Eine städtische "Task-Force" hat bei einer Begehung fast in jedem Raum Ungeziefer, feuchte und schimmelige Decken vorgefunden. Stromkabel ragen offen aus den Wänden. Man befand, dass dort niemand mehr leben könne. Sozialamtsleiterin Andrea Bestgen-Schneebe spricht von einer "erheblichen Gefährdung" für die Bewohner. Der Hausbesitzer weigert sich, die Missstände zu beheben. Darum zieht die Stadt die Reißleine.

Die Rumänen aus dem Problemhaus gehören zwei Großfamilien an, zwei Sippen mit je einem Oberhaupt: den Clans der Barbulescht und der Cindera. Beide können eigentlich nicht besonders gut miteinander. Nur das Elend, in dem sie leben, lässt ihre Fehde vorübergehend ruhen.

Wohin sie jetzt gehen werden, nachdem sie vor etwa drei Jahren in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Duisburg-Rheinhausen gekommen waren, kann niemand mit Sicherheit sagen. Man hört, dass einige nach Spanien oder Frankreich umsiedeln wollen, wo bereits viele aus ihren Familien leben. Ein Großteil wird aber wohl in Duisburg bleiben — vermutlich nach Hochfeld auf die andere Rheinseite ziehen, wo ebenfalls schon Hunderte ihrer Landsleute unter ähnlich widrigen Bedingungen wie im Problemhaus wohnen. Fest steht aber, dass keiner von ihnen wieder in eines seiner Heimatdörfer in Südosteuropa zurückkehren wird. Denn dort lebten sie teilweise auf Müllkippen, wurden verfolgt und diskriminiert, weil sie Roma sind.

Den meisten Anwohnern ist es egal, wohin sie gehen. Hauptsache weg. So denken viele in dem Viertel. Wie Karl Schülling (77), der mit seiner Frau in der Nähe des Problemhauses in einer kleinen Erdgeschosswohnung lebt, sind die Anlieger erleichtert, seit sie wissen, dass das Gebäude bald leerstehen wird. "Wir haben mit denen viel mitgemacht", sagt Schülling. Er selbst, sagt er, habe zwar direkt keine schlechten Erfahrungen mit den Rumänen gemacht. Aber von Nachbarn hätte er so einiges gehört. Die Armutsflüchtlinge hätten mit altem Gemüse und Dreck nach einem geworfen, wenn man dem Gebäude zu nahe gekommen sei. Ein Nachbarskind sei von den Kindern der Armutsflüchtlinge geschubst und getreten worden, berichtet Schülling.

Eigentlich könnte es auch der Stadt Duisburg egal sein, was aus den Zuwanderern wird. Doch man will ihnen bei der Wohnungssuche helfen. Und man sei zuversichtlich, dass das auch gelingen werde. Es gäbe bereits Gespräche zwischen zwei Roma-Familien und der Stadt, bekräftigt die Sozialamtsleiterin. Dabei ist die klamme Kommune schon jetzt überfordert mit den Armutsflüchtlingen, von denen es allein in Duisburg mehr als 10 000 geben soll. Es fehlt Geld für die notwendige Integration der Kinder, für Sprachkurse für die Erwachsenen.

Dass die Stadt die Immobilie, die sich nach wie vor in Privatbesitz befindet, überhaupt für unbewohnbar erklären darf, ermöglicht das Wohnungsaufsichtsgesetz, das es erst seit April gibt. Demnach müssen in Wohnungen für Erwachsene neun und für Kinder bis sechs Jahre mindestens sechs Quadratmeter zur Verfügung stehen. Im Problemhaus wohnten teilweise 20-köpfige Familien auf 50 Quadratmetern. Die Landesregierung geht mit dem Gesetz gegen Vermieter von Schrottimmobilien vor, die nichts in die Instandhaltung ihrer Häuser investieren, aber dennoch Miete verlangen.

Die Polizei fährt nicht mehr so häufig Streife vor dem Problemhaus. Nur wenn sich jemand beschwert, kommen Beamte vorbei. Früher war das fast täglich. Auch wenn die Einsätze weniger geworden sind, die Polizei macht die Südosteuropäer nach wie vor für eine Vielzahl von Diebstählen, Einbrüchen und Raubüberfällen im gesamten Rheinland verantwortlich. Im vergangenen Jahr ermittelte die Polizei innerhalb weniger Monate mehr als 150 Tatverdächtige, die aus dem Umfeld des Problemhauses stammen, darunter sogar einen Fünfjährigen. Besonders wegen dieser Kriminalität sind viele Anwohner wie auch der 77-jährige Schülling erleichtert, dass bald Ruhe in der Nachbarschaft einkehrt. "Dann braucht man keine Angst mehr zu haben, überfallen zu werden."

Sollten die Rumänen nicht bis zum 31. Juli aus dem Haus ausgezogen sein, wird vermutlich zwangsgeräumt. Was dann aus dem Gebäude werden soll, ist ungewiss. Ein Abriss in absehbarer Zeit gilt aus Kostengründen als unwahrscheinlich. Auch Neuvermietungen schließt die Stadt aus. Denn dazu müsste der Besitzer viel Geld in die Renovierung stecken. Deshalb wird das Haus wohl weiter verfallen — so lange, bis sich ein Investor findet, der es dem Eigentümer abkauft und dann abreißen lässt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Stadt Duisburg lässt die Problemhäuser räumen