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Duisburg: Die Familie Thyssen

Duisburger Geschichte : Geschichte und Geschichten: Die Thyssen-Saga

Der Name Thyssen repräsentiert ein großes Kapitel der Duisburger Wirtschaftsgeschichte. Die Familie steckt voller Dramatik.

Das Thyssen-Stahlwerk steht heute im Mittelpunkt des Machtkampfes um die Konzernstrategie, die möglicherweise mit der Zerschlagung enden wird. Bis 1995 hielten Familienmitglieder eine Beteiligung von 15% am Thyssen-Konzern. Nach ihrem Ausscheiden fusionierte die Thyssen AG mit dem einstigen Konkurrenten Krupp. Eine Zäsur. Doch der Name Thyssen ist ein Teil der Duisburger Wirtschaftsgeschichte und eine dramatische Familiensaga.

Der Gründer August Thyssen

August Thyssen (1842-1926), 154 Zentimeter groß, aber unternehmerisch ein Titan, gründete 1871 in der Nähe von Mülheim ein erstes Walzwerk. Doch erst mit dem Aufkauf der Bauernschaft Bruckhausen bei Duisburg gelang ihm der Durchbruch zur Schaffung eines Weltkonzerns. Die strategisch günstige Lage für den Eisenerz- und Kohletransport gab damals den Ausschlag für den Standort Duisburg. Der Name August Thyssen stand für Pioniergeist und ausgeprägten Geschäftssinn. Mit dem integrierten Hüttenwerk in Duisburg legte er den Grundstein für sein Firmenimperium. Er galt als kantiger Machtmensch. Krupp und Thyssen stritten um die Vorherrschaft im Revier – auch mit Fusionen und feindlichen Übernahmen. Genuss oder Verschwendung waren August Thyssen fremd. Viele bezeichneten ihn als geizig. Nur die Werke des Bildhauers Auguste Rodin faszinierten ihn. Aber auch hier verband er Kunst mit Geschäftssinn. Er investierte immer und immer wieder und baute einen mächtigen Konzern mit Weltruf auf. Wachsen oder weichen lautete sein Credo. Seine Aussage: „Mein Werk ist in sich sozial, je mehr ich baue und verdiene, umso besser geht es meinen Arbeitern“ war typisch für die Epoche der Industrialisierung. Trotz seiner vier Kinder war er kein Familienmensch. Vielmehr schien mit der Zeit eine Entfremdung eingetreten zu sein.

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Fritz Thyssen: Tragische Verstrickung in der NS-Zeit

Nach August Thyssens Tod erben die beiden Söhne Fritz Thyssen und Heinrich Thyssen-Bornemisza das industrielle Unternehmen. Die beiden anderen Kinder sind vorher schon abgefunden worden. Der älteste Sohn Fritz (1873-1951 unterstützte die NSDAP mit seinen Finanzzuwendungen und trug wesentlich zur Machtergreifung Hitlers bei -– so die zum Teil autorisierte Biographie „Ich bezahlte Hitler“. Als er das Verbrecherische in der Ideologie und in den brutalen Taten der Nationalsozialisten erkannte, sprach er sich klar gegen Aufrüstung und Kriegsvorbereitungen des Regimes aus und floh vor den Nazis mit seiner Frau Amélie über die Schweiz nach Frankreich, um von dort nach Argentinien auszuwandern. In Frankreich wurde er auf Druck der Gestapo verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert. Vier Jahre Gefangenschaft in verschiedenen Konzentrationslagern hinterließen Spuren. Ein deutscher Offizier, Wichard von Alvensleben, befreite die prominenten SS-Geiseln in Südtirol. Es folgten US-Internierung und Entnazifizierungsprozess. Fritz Thyssen wurde zwar als „minderbelastet“ freigesprochen, aber als desillusionierter Mann starb er am 8. Februar 1951 in Argentinien. Zwei Jahre nach seinem Tod fand er seine letzte Ruhe im Mausoleum auf Schloss Landsberg. Sein Bruder Heinrich war bereits 1947 verstorben. Heinrich Thyssen-Bornemisza war als Unternehmer und Kunstsammler erfolgreich, wirkte aber bewusst in der Anonymität.

Der Enkel: Vom Stahlerben zum Kunst-Tycoon

Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza (1921-2002) erbte einen Teil des Firmenimperiums und die im Familienbesitz gebliebenen Kunstschätze. Geschickt kaufte er die durch Erbteilung fehlenden Bilder wieder an und komplettierte Schritt für Schritt seine Sammlung. Der Wertzuwachs seiner Bilder erreichte ungeahnte Höhen. Er galt als begnadeter „Sammler alter Meister und schöner Frauen“ und wurde zur schillerndsten Figur des Jetsets. Die Boulevardpresse interessierte sich für seine fünf Ehen, seine Affären und den sündhaft teuren Rechtsstreit gegen seinen ältesten Sohn Georg um das milliardenschwere Familienvermögen. Thyssens fünfte Ehefrau, Carmen Cervera, eine lebenslustige Ex-Miss Spanien, Lex Barker Witwe und Filmschauspielerin, spielte dabei eine einflussreiche Rolle. Die Entscheidung Heinrichs, die weltberühmte Kunstsammlung dem Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid zu übergeben, soll nicht zuletzt auf das Wirken der spanischen Gattin zurückzuführen sein. Die Nachkommen der Familienzweige scheuen eher die Öffentlichkeit. Heute ist zwar kein Namensträger mehr am Unternehmen Thyssenkrupp beteiligt, aber die vier Hauptakteure der Familie haben ein außergewöhnliches industrielles und kulturelles Vermächtnis hinterlassen.