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Duisburg: Die Barbaren kamen aus Europa

Duisburger Geschichten und Geschichte : Die Barbaren kamen aus Europa

Die Ausstellung „Glaubenskampf und Nächstenliebe“ läuft im Duisburger Stadtmuseum am Innenhafen. Der kulturelle Rückstand der Barbaren gegenüber den Muslimen wurde durch die Kreuzzüge offensichtlich.

Kavalier, Glaubenskämpfer und Samariter – solche Vorstellungen sind mit tugendhaftem Rittertum verbunden. Das europäische Bild ist romantisch – und in der Regel schlichtweg falsch. Die Motive der fränkischen Kreuzritter waren meist höchst eigennützig und hatten eher mit Gier nach Gold, Macht und blutigen Massakern zu tun. Der Auftrag des Papstes für den Schutz der Pilger zu sorgen, legitimierte ihr Handeln. Die Stimmung im Abendland war um 1095 aufgeheizt. Aber wie reagierten die muslimischen Gegner auf die Invasion der fränkischen Ritter?  

Der arabische Historiker und Geograph al-Masudi beschrieb die Eindringlinge aus dem Westen wie folgt: „Ihre Körper sind groß, ihr Charakter derb, ihre Sitten schroff, ihr Verständnis stumpf und ihre Zungen schwer. Ihre Haut ist dünn und ihr Fleisch rau. Auch ihre Augen sind blau und entsprechen ihrer Hautfarbe. Ihren religiösen Überzeugungen fehlt Beständigkeit, je weiter nördlich sie sich aufhalten, desto dümmer, derber und primitiver sind sie.“

Ein wenig differenzierter bewertete der Schriftsteller, Dichter, Politiker und Diplomat Usama ibn Munqidh die aus dem Westen kommenden Franken. Er zeigte Respekt vor ihrem Kampfgeist und Mut, aber gleichzeitig verachtete er ihren ungehobelten Auftritt und ihr rückständiges medizinisches Wissen. Usama bezieht sich in seinem Bericht auf einen einheimischen Arzt, der auch christliche Gebiete bereiste. Dort war er zu einem Patienten gerufen worden, der an einer entzündeten Beinwunde litt. Der Arzt machte einen Wickel und ein erfolgreicher Heilungsprozess setzte ein. Doch anschließend ließ sich der Patient von einem fränkischen Arzt von der Notwendigkeit einer Amputation überzeugen.   Der „operative Eingriff“ führte ins Desaster: Nach einem ersten Schwerthieb ist das entzündete Bein nicht völlig abgetrennt. Beim zweiten Versuch stirbt der Patient. Es erscheint nachvollziehbar, dass die Unkenntnis des Franken bei gut ausgebildeten Ärzten auf Fassungslosigkeit stieß.

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Tatsächlich war die orientalische Medizin der Heilkunst im Abendland um Jahrhunderte voraus. Der arabische Forschergeist brachte bedeutende Wissenschaftler hervor: Ibn al-Nafees hatte bereits als erster den Blutkreislauf beschrieben. Ibn Sina, latinisiert Avicenna, entwickelte ein Destillationsverfahren, durch das er ätherische Öle für medizinische Zwecke gewann. Neben einem enormen Heilpflanzenwissen kannten die arabischen Ärzte eine frühe Form der Allgemein-Narkose. Bei Operationen wurde mit einem Schwamm, der mit einer Mixtur aus Haschisch und Bilsenkraut getränkt war, die Betäubung vorgenommen. Eine Methode, die dann bis in die europäische Neuzeit vollständig in Vergessenheit geriet.

Verschiedene medizinische Ansätze aus dem Orient fanden auch Eingang bei der Pflege und Behandlung bei den Ordensrittern. „Sie sind beredte Zeugen für den Wissenstransfer von Ost nach West“, so Dennis Beckmann, Kurator der Ausstellung „Glaubenskampf und Nächstenliebe“ des Duisburger Stadtmuseums am Innenhafen. Neben den Kreuzrittern im Nahen Osten sorgte insbesondere die muslimische Herrschaft in Sizilien und Spanien für einen Kulturtransfer. Texte antiker Gelehrter waren in Europa verloren gegangen. Nur weil arabische Gelehrte das antike Wissen in ihre Sprache übertrugen und die Texte anschließend ins Lateinische übersetzt wurden, gelangten die wissenschaftlichen Arbeiten von Aristoteles, Archimedes, Euklid, Hippokrates oder des Gladiatorenarztes Galen zurück nach Europa.

Technische Neuerungen im Bereich der Navigation wie Magnetkompass und das Astrolabium verdanken wir ebenfalls den Arabern. Touristen, die die Alhambra in Granada besuchen, sind noch heute von der Architektur, den Bewässerungssystemen und der Gartenbaukunst tief beeindruckt.  Arabisch-muslimische Kultureinflüsse findet man aber auch in der Umgangssprache: Begriffe wie Scheck, Tarif, Sofa, Ziffer, Kabel, Magazin, Admiral oder Algebra, Alkohol, Havarie, Laute und Razzia haben arabische Wurzeln. 

Zum Weiterlesen: In der Ausstellung dominiert die christliche Perspektive. Die Broschüre „Glaubenskampf und Nächstenliebe“ ist im Stadtmuseum zum Preis von fünf Euro erhältlich. Was viele nicht wissen: Auch in Duisburg haben die Ritter des Deutschordens und der Johanniter ihre Spuren hinterlassen. Um 1150 übernahmen die Johanniter einen Adelshof in Duisburg, bauten dort die heutige Marienkirche und gründeten ein Hospital.