Duisburg: Bibliotheksdirektor gratuliert Duisburger VHS zum Jubiläum

100 Jahre VHS : Die Vielfalt des Lehrens und Lernens

Bibliotheksdirektor Jan-Pieter Barbian kam 1992 nach Duisburg. In diesem Gastbeitrag schaut er zurück und gratuliert der VHS zum 100.

Nach Duisburg kam ich der Volkshochschule wegen. Am 3. Oktober 1991 war in der Wochenzeitung „Die Zeit“ die Stelle der Fachbereichsleitung für Kulturelle Bildung ausgeschrieben worden. Damals arbeitete ich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Trier und hatte nebenberuflich seit 1983 Literaturkurse, Geschichtswerkstätten und Filmseminare an der dortigen VHS gegeben, sodass mich die Stelle in Duisburg sofort ansprach. Nach einem ersten informativen Orientierungsgespräch mit Heinz Schulte, dem zuständigen Abteilungsleiter an der VHS Duisburg, und einem Auswahlverfahren, das der Kulturdezernent Dr. Konrad Schilling persönlich leitete, erhielt ich den Zuschlag aus 280 Bewerbern (so viele gab es damals tatsächlich). Am 31. Dezember unterschrieb ich meinen Arbeitsvertrag und am 2. Januar 1992 begann ich meine Arbeit im damaligen Gebäude der VHS am König-Heinrich-Platz.

Der Fachbereich Kulturelle Bildung war nach der Sprachenabteilung der zweitgrößte. Mehr als 100 Kursleiter gaben Kurse und Workshops in den Sparten Literatur, Kunst, Theater, Tanz, Musik. Es war eine große Freude, mit diesen nebenberuflich tätigen Pädagogen in jedem Semester ein buntes, kreatives Programm zusammenzustellen, das die unterschiedlichsten Menschen in der VHS zusammenbrachte. Und es war eine wunderbare Möglichkeit, auf diesem Wege die vielen Seiten Duisburgs kennenzulernen, denn die Kurse fanden nicht nur in Stadtmitte, sondern auch im Norden, Süden und Westen statt. Darüber hinaus wurden zahlreiche Vorträge, Lesungen, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen und Tagungen angeboten.

Jan-Pieter Barbian kam 1992 nach Duisburg. Foto: Friedhelm Krischer

Im Herbst 1993 konnte ich mit der Veranstaltungsreihe „Grenzgänge – Die Kultur im Vereinigten Europa“ beginnen, in der in jedem Semester ein Land der Europäischen Union mit einer Auswahl an Veranstaltungen zu Politik, Gesellschaft, Kultur und einer Filmreihe im Filmforum vorgestellt wurde. Gäste waren u.a. Harry Mulisch, Adri van der Heijden, Alfred Grosser, Pascal Lainé, Joachim C. Fest, Robert Schindel, Mario de Carvalho. Ähnlich prominent besetzt war die Liste der Autoren, die zu den Duisburger Akzenten im Vortragssaal der VHS lasen: Erhard Eppler, Dieter Wellershoff, Max von der Grün, Erich Loest, Andrzej Szczypiorski oder 1996 Imre Kertész mit einer Lesung aus seinem „Roman eines Schicksallosen“, für den er 2002 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Im Rahmen von wissenschaftlichen Tagungen mit dem Steinheim-Institut der Universität wurden die Geschichte des Ruhrgebiets in der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, während des 50-jährigen Bestehens des Landes Nordrhein-Westfalen und der bemerkenswerte Anteil der Juden an unserer Region von der Aufklärung bis in die Gegenwart beleuchtet. Eine weitere Tagung, die ich 1998 zusammen mit Werner Ruzicka, dem Leiter der Duisburger Filmwoche organisieren konnte, war dem niederländischen Dokumentarfilmer Joris Ivens (1898-1989) gewidmet.

Die Vielfalt des Programms in meinem Fachbereich spiegelte die der gesamten VHS wieder. Das war das Verdienst der pädagogischen Mitarbeiter und ihrer Verwaltungskräfte, denen es mit ihrem Wissen und ihrem großen persönlichen Engagement immer wieder aufs Neue gelang, attraktive Themen zu finden und dafür kompetente Kursleiter/Referenten zu gewinnen: Ob Günter Reichwein, Wolfgang Schwarzer, Stig Magnusson und Barbara Alldag für die Sprachen, Dieter Weber für die Politische Bildung, Gabi Deitert für die berufliche Bildung, Rainer Guttmann für Umwelt und ADV, Wolfgang Esch für die interkulturelle Arbeit im IZ, Kai Gottlob für das Filmforum, Jörg Mascherrek für die Studienfahrten und Manfred Fenner für die nachträglichen Schulabschlüsse. Nicht zu vergessen die Leiter der drei Arbeitsstellen, die aufgrund ihrer langjährigen Kenntnis der jeweiligen Bezirke genau wussten, was bei den Menschen ankommen könnte und was nicht: Friedhelm Ufermann (Mitte/Süd), Hartmut Dürste (Nord) und Klaus Barbian (West).

Heute beherbergt das Stadtfenster an der Steinschen Gasse  26 sowohl die Stadtbibliothek als auch die Volkshochschule. Foto: Stadt Duisburg

Dass die VHS Duisburg so erfolgreich arbeiten konnte und tief in der Bevölkerung der Stadt verankert war, ist das Verdienst des damaligen Direktors Hans-Walter Schuster und seines Verwaltungsleiters Rolf Fallen gewesen. Beide wollten nicht kontrollieren oder sich selbst in den Vordergrund spielen, sondern sie wollten ermöglichen – und das in einer auch damals bereits schwierigen Zeit der Haushaltskonsolidierung. Als der 40-jährige Hans-Walter Schuster 1980 die Leitung der VHS Duisburg übernahm, brachte er fundierte berufliche Qualifikationen als Lehrer und stellvertretender Leiter der VHS Oberhausen ebenso wie politische Erfahrungen als Vorsitzender der Duisburger Jungsozialisten und als Ratsherr (1975-1980) mit. Zudem war er von 1974 bis 1986 Kreisvorsitzender der AWO. Von diesen wertvollen Erfahrungen und seiner hervorragenden Vernetzung konnte das gesamte Weiterbildungsinstitut bis zu seinem Ausscheiden 2002 enorm profitieren. Persönlich verdanke ich Hans-Walter Schuster sieben gute „Lehrjahre“ bei der VHS, in denen ich Duisburg verstehen lernen, die Stadtverwaltung kennenlernen und positive Erfahrungen mit vielen Menschen sammeln konnte und mit denen ich 1999 den Sprung in die Leitung der Stadtbibliothek wagen durfte.

Diese Erinnerungen verbinden mich bis heute mit der VHS und daher wünsche ich den Kollegen zum jetzt 100-jährigen Bestehen der Einrichtung weiterhin viel Erfolg!  

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