Duisburg: Duisburg baut sich neu

Duisburg : Duisburg baut sich neu

Der geplante Neubau des Landesarchivs setzt in der einstigen Montanstadt eine einzigartige Erfolgsgeschichte fort. Aus der einst schmuddeligen Schimanski-Kulisse am Innenhafen ist ein wichtiger Bürostandort mit architektonischen Highlights geworden.

Eine überdimensionale Milchtüte galt jahrelang als eine Art Wahrzeichen Duisburgs. Das Speichergebäude mit dem "Mr. Softy"-Anstrich war gerade von der A40 aus weit zu sehen. Die Tüte stand lange Zeit für Unbeweglichkeit und verpassten Strukturwandel der früheren Montanstadt. Unweit der einstigen Milchtüte wird bald ein neues Wahrzeichen herausragen: Der rund 65 Meter hohe Backsteinturm des Landesarchivs. Statt einer "Schachtel auf der grünen Wiese" in Düsseldorf, wie es die rot-grüne Landesregierung noch geplant hatte, so NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, entschied sich das Land für den neuen Standort Innenhafen Duisburg - und eine Jury für den spektakulären Entwurf von Ortner + Ortner Baukunst (Wien/Berlin).

Der österreichische Star-Architekt Laurids Ortner, der in Düsseldorf Baukunst lehrt, setzte sich in einem Architekturwettbewerb mit einem Modell durch, das vorhandene Strukturen aufnimmt, nutzt, aber auch weiterentwickelt und dynamisch fortführt. Aus einem unter Denkmalschutz stehenden roten Backsteinspeicher einer Spedition wird der neue, möglicherweise fensterlose Archivturm emporragen, daran fügt sich ein geschwungener, wellenförmiger Baukörper an.

Ortner spricht von einem "offenen Umgang mit der Bausubstanz". Dabei ist für ihn der Kontrast zwischen dem klobigen, statisch wirkenden Speicher und dem lebendigen Wellenschlag des Ergänzungsbaus von entscheidender Bedeutung. Der Präsident des Landesarchivs, Wilfried Reininghaus, schwärmt nicht nur von der besonderen Ästhetik des Entwurfs. Er wird zudem Hausherr des größten Archivgebäude Deutschlands: Der Zentralbau verfügt über eine Fläche von rund 17.000 Quadratmetern, im rund 120 Meter langen und 21 Meter hohen "Wellenschlag"-Nebengebäude kommen rund 7000 Quadratmeter Nebenflächen für die Archiverwaltung, Ausstellungsflächen und Büro- und Tagungsräume hinzu.

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Der Investor und Projektentwickler, die Essener Kölbl-Kruse-Gruppe, hat in dem 80 Millionen Euro-Projekt noch weitere 15000 Quadratmeter für anderweitige Büronutzung vorgesehen. Die Frontseite des Gebäudes zum Wasser hin soll auch als Projektionsfläche für Lichtkunst zur Verfügung stehen, gesteuert von einem Schiff am Innenhafen-Ufer.

Das neue Landesarchiv soll eines der wichtigsten Bauten für die Kulturhauptstadt 2010 werden. Deren künstlerischer Leiter, Karl-Heinz Petzinka, zeigt sich begeistert. Der Besucher werde "erschlagen von der Emotionalität der Räume", meint er. "Das Gebäude wird zu einem echten Gesamtkunstwerk im öffentlichen Raum, einer großen urbanen Skulptur", so Petzinka. Das Gebäudeensemble soll künftig mehrere dezentrale Dependancen des Landesarchivs aufnehmen, auch die Archivarausbildung des Landes soll an den Innenhafen. Rund 130 Mitarbeiter werden dort dann künftig tätig sein.

Der "Wellenschlag" ist nicht das erste Projekt im Innenhafen mit maritimem Bezug. Das benachbarte "Five-Boats"-Gebäude, konzipiert vom Hagener Architekten Jürgen Bahl, symbolisiert fünf nebeneinander angeordnete Schiffskörper, das "H2O-Office", ein eher funktionales Bürogebäude, hat die Form eines Katamarans.

Weitere Höhepunkte stehen nun an: Heftig umstritten sind die Pläne zur Erweiterung des renommierten Museums Küppersmühle nach einem Modell der weltbekannten Schweizer Architekten Herzog & Meuron. Der Entwurf legt einen riesigen, quaderförmigen Container auf das bestehende Backstein-Speichergebäude. Ob diese von vielen als provokant empfundene Architektur eine Chance auf Realisierung hat, bleibt abzuwarten.

Mit Spannung erwartet wird auch, ob das "Eurogate", ein sichelförmiger Bürobau um den ehemaligen Holzhafen, die Entwicklung des Duisburger Innenhafens nicht nur abschließt, sondern ihm vielleicht sogar die Krone aufsetzt.

Nur wenige hundert Meter weiter gibt es bereits Pläne für ein noch kühneres Vorhaben: Der Hamburger Architekt Hadi Teherani entwarf das Modell einer "living bridge". Diese bewohnbare, rund 230 Meter lange, 20 Meter breite und 43 Meter hohe Brücke über die Ruhr wird wie das Landesarchiv-Gebäude von Kölbl-Kruse entwickelt.

Nachdem Teheranis Pläne mit einer ähnlichen, sogar 700 Meter langen Wohnbrücke in Hamburg zwischen der Hafencity und Wilhelmsburg scheiterte, könnte dieses Vorhaben in Duisburg glücken. Wenn denn die zwölf Stockwerke auf der Brücke über die Ruhr - geplant sind Büros, Wohnung, vielleicht ein Hotel, Restaurant und Bars - an den Mann gebracht werden können. Denn spätestens zu diesem Zeitpunkt könnte Duisburg zu einem Mekka für Architekturfans werden. An die alte Milchtüte denkt dann wohl niemand mehr.

Der Masterplan Innenhafen - entstanden Ende der 80er Jahre bei der Internationalen Bauausstellung Emscherpark (IBA) - geht auf Norman Foster zurück. Aus dem einst schmuddeligen Innenhafen ist einer der wichtigsten Bürostandorte des Ruhrgebiets geworden. Zahlreiche Bars, Clubs und Restaurants haben den Innenhafen abends und an Wochenenden zu einem Szenetreff werden lassen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So könnten Brücke und Eurogate aussehen

(RP)
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