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Duisburg: Atemberaubendes Theatergastspiel aus Berlin

Caligula im Stadttheater Duisburg : Des Kaisers Erkenntnis: Regieren heißt stehlen

Mit einer atemberaubenden „Caligula“-Inszenierung gastierte am Mittwoch das Berliner Ensemble im Duisburger Stadttheater.

Der Erfolg des Berliner Gastspiels war fast schon vorherzusehen gewesen, kannte man hierzulande sowohl die unvergessene Arbeit von Regisseur Antú Romero Nunes aus seiner Hamburger Inszenierung von Shakespeares „Richard III.“ als auch die grandiosen Auftritte der Schauspielerin Constanze Becker als „Medea“ und „Penthesilea“. Und auch diesmal, in „Caligula“ von Albert Camus, bleiben das Bühnenspiel und die Bühnenbilder von Nunes und das extrem einfühlende Identifikationsspiel Constanze Beckers in Wirkung und Nachhaltigkeit unvergessen.

Nunes lässt Camus Figuren, die er stark eingestrichen und geschlechterverkehrt besetzt hat, durch sein Ensemble teils als zirzensische Clowns, teils als horrorhafte Zombies auftreten. Und der im Denken und Handeln exzessiv agierenden Titelfigur, ein vom Dasein und seinem Umfeld angeekelter Psychopath, verpasst er einen an den „Joker“ in dem Film „The Dark Knight“ erinnernden Charakter. Dennoch: Weder zeichnet Nunes aus Camus Vorlage einen Horror-Trip, noch macht er ein Absurditäten-Kabinett daraus.

Das 1938/1939 in seiner ersten Fassung geschriebene Werk und die bis 1959 dann überarbeitete Originalausgabe ist aber auch kein philosophisches Stück, das hatte einst der Autor selbst klargestellt. Doch es hatte damals – nämlich vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg – und hat noch heute, eine stark politische Ausrichtung.

Oliver Kraushaar (Caesonia) und Constanze Becker (Caligula) Foto: Julian Roeder

„Regieren heißt stehlen“, so erklärt Kaiser Caligula sich und anderen die Politik. Insofern sei es „nicht unmoralischer, die Bürger direkt zu bestehlen, als die für sie unentbehrlichen Lebensmittel heimlich mit indirekten Steuern zu belegen“, heißt es im Text. Als konsequente Schlussfolgerung verlangt Caligula von den Vermögenden, ihre Kinder zu enterben und den Staat als Alleinerben einzusetzen – alles zugunsten des Staatshaushaltes. Doch „wenn der Staatsschatz lebenswichtig ist, dann ist das Menschenleben es nicht“, sagt der Tyrann weiter. Je nach Bedarf würden diese Personen dann willkürlich getötet. Schließlich habe er mittlerweile gelernt, dass jeder Wert, auch das Leben selbst, relativierbar und folglich nicht wirklich von Bedeutung sei.

Doch dieser Erlass ist nur der Anfang einer verheerenden Strategie eines Machtmenschen, der beschlossen hat, nicht nur den Mond besitzen zu wollen, sondern der Welt ihre absurde Verfasstheit vor Augen zu führen, indem er sie durch konsequentes Denken und Handeln auf ihre mörderische Spitze treibt. Fortan pflastern Leichen seinen Weg. Camus Drama ist das Porträt eines nicht mehr von Ethik, Gesetzen oder Moral determinierten Politikers. Und so kommen dem Zuschauer heutzutage Namen wie Trump, Erdogan und Putin schnell in den Kopf, ohne eine wirkliche Analogie zu dem gleichnamigen römischen Kaiser (12 bis 41 n.Chr.) herstellen zu wollen.

Dass Nunes der Sinn nach dem Grotesk-Komischen steht, macht er gleich zu Beginn der 90-minütigen Aufführung deutlich. Er lässt sein Ensemble vor dem blutroten Vorhang zwei Witze erzählen. Frage eins: Was macht ein Clown im Büro? Antwort: Faxen! Frage zwei: Warum schlägt der Zirkusdirektor seine Frau? Antwort: Weil er sie beim Clown/Klauen erwischt hat!