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Duisburg: Als das "Männerfach" Medizin weiblich wurde

Duisburger Geschichte und Geschichten : Das „Männerfach“ Medizin wird weiblich

Der Deutsche Ärztetag hielt 1898 nichts davon, Frauen zum Medizinstudium zuzulassen. Heute sind zwei Drittel der Studierenden weiblich.

Im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit wurden Frauen oft in Berufen erwähnt, die in den medizinisch-pflegerischen Bereich fallen. Als 1427/28 bei einer Fehde Duisburger Bürger verwundet wurden, versorgte Drutgen Engelsmann diese auf Kosten der Stadt. Vermutlich hatte sie medizinische Kenntnisse durch ihren Vater, den Arzt Johann Engelsmann. 1532 wird eine Griete Muskens als „Arztsche“ besoldet. Dass Frauen als Hebammen tätig waren, muss nicht besonders hervorgehoben werden. Sie standen den Schwangeren bei den Hausgeburten zur Seite, oft unter schwierigen Bedingungen. Zur klassischen Frauendomäne gehörte auch der pflegerische Bereich. Es waren „Pestfrauen“, die die Versorgung der Quarantäne-Kranken in Duisburg sicherstellten. Bei der Krankenbehandlung griff man auf das Wissen der heilkundigen Frauen zurück. Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel und andere botanische Ingredienzien spielten bei der Herstellung von Heilmitteln eine wesentliche Rolle. Klöster, Ordensgemeinschaften und Beginenhäuser boten Unterkunft für Arme, Alte und Kranke. Fürsorge galt als Gebot christlicher Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

Die medizinisch-pflegerischen Tätigkeiten der Frauen unterschieden sich zur damaligen Zeit einkommensmäßig und im Sozialprestige deutlich von den akademisch ausgebildeten Ärzten. Die wurden allerdings erst im 17. Jahrhundert in Duisburg sesshaft. Das galt auch für die Tätigkeit der handwerklich-chirurgisch ausgebildeten Wundärzte. Die Gründung der Universitäten in der Frühen Neuzeit verstärkte die Trennung von Medizin und Pflege sowie den niedrigeren Status pflegender Frauen. Ein Medizinstudium blieb dem weiblichen Geschlecht verwehrt.

Trotzdem gab es immer wieder Frauen, die sich ihren Wissensdrang nicht verbieten ließen. Eine kleine Nische im System der Männerprivilegien wurde in der alten Universität Duisburg gefunden, wie die Geschichte der Juliana Martia beweist. Über die nicht-immatrikulierte Studentin wurde sogar im Duisburger Intelligenzzettel berichtet. Juliana Martia erhielt 1692 in den Freien Künsten und in der Medizin bei Universitätsprofessoren Privatunterricht. Obwohl sie sich nicht immatrikulieren durfte, wurden ihr Leistungen auf Promotionsniveau bescheinigt, so Professor Withof in seiner Duisburger Chronik. Ein weiterer Ausnahmefall, allerdings nicht in Duisburg, sondern in Quedlinburg war Dorothea Christiane Erxleben, geb. Leporin. Auf ausdrücklichen Befehl Friedrichs des Großen durfte die hochbegabte Frau und mehrfache Mutter ein Medizinstudium aufnehmen. Von Christiane Erxleben ist ein selbstbewusstes Statement in einem Manifest für das Frauenstudium überliefert: „Die Verachtung der Gelehrsamkeit zeigt sich besonders darin, dass das weibliche Geschlecht vom Studieren abgehalten wird.“ Als sie 1755 promoviert wurde, war sie die erste Doktorin der Medizin in Deutschland.

Doch es sollte noch fast 150 Jahre dauern, bis Frauen zu den Staatsprüfungen der Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie zugelassen wurden. Die Universität Zürich war bedeutend fortschrittlicher. Sie ließ bereits 1864 als erste deutschsprachige Universität ordentliche Studentinnen zu. Der deutsche Anatom und Physiologe Bischoff lehnte das Frauenstudium 1872 dagegen scharf ab: „Es fehlt dem weiblichen Geschlecht nach göttlicher und natürlicher Anordnung die Befähigung zur Pflege und Ausübung der Wissenschaften und vor allem der Naturwissenschaften und Medicin“.

Der Deutsche Ärztetag im Juni 1898 hielt ebenfalls nichts davon, Frauen zum Medizinstudium zuzulassen. „Kein erheblicher Nutzen für die Kranken, mehr Schaden als Nutzen für die Frauen selbst, mindestens kein Nutzen für die deutschen Hochschulen und die Wissenschaft, eine Minderung des ärztlichen Ansehens“, lautete die klare Positionierung.

Doch der Widerstand der ärztlichen Standesvertreter erwies sich als zwecklos. Rund zwei Drittel der Studienanfänger sind inzwischen Frauen. Die Medizin wird weiblich. Allerdings gilt dies nur bis zu einer bestimmten Hierarchiestufe. Frauen auf dem Chefarztsessel sind immer noch selten. Nur elf Prozent der leitenden Krankenhausärzte sind heute weiblich. Der Ärztinnenbund unterstützt die Initiative „Pro-Quote-Medizin“. Juliana Martia und Christiane Erxleben werden die Entwicklung sicherlich mit Wohlwollen verfolgen.

Quellen: „Von Griet zur Emma“, Frauenbüro Stadt Duisburg, 2000; Deutsches Ärzteblatt 2005, Heft 12, Schott, H.