Duisburg: Diskussion um Kirchen

Duisburg: Diskussion um Kirchen

In der Liebfrauenkirche wurde die sehenswerte Ausstellung „Schätze! Kirchen des 20. Jahrhunderts“ eröffnet. Duisburg ist die erste Station. Zur Eröffnung spielte das Draganov-Quartett.

Geheizt wird nur die Unterkirche und die Sakristei. Die Luft riecht muffig und der Fußboden hat sichtlich seit einiger Zeit keine Reinigungskraft gesehen. Der gute Zustand der Liebfrauenkirche an der Landfermannstraße 3 ist bereits gefährdet, wie sich bei Veranstaltungen dort zeigt – wie jetzt bei der gut besuchten Eröffnung der Wanderausstellung „Schätze! Kirchen des 20. Jahrhunderts“.

Kein Geld vom Bistum

Von den gut 50 000 Kirchen in Deutschland entstanden etwa 15 000 im vergangenen Jahrhundert. Beide großen Konfessionen verlieren bekanntlich Mitglieder und Einnahmen, sparen zuerst an den „modernen“ Kirchenbauten. Erste werden umgenutzt oder gar abgerissen. Es sei gut, dass diese Wanderausstellung gerade im Bistum Essen ihren Anfang nehme, das am offensivsten mit der Problematik umgehe und glasklar 96 „weitere Kirchen“ benannt habe, meinte Dr. Walter Zahner als Präsident der veranstaltenden Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst. Zur Erinnerung: „Weitere Kirchen“ sind solche, die finanziell nicht mehr vom Bistum getragen werden. Und gerade die Duisburger Liebfrauenkirche von 1958 mit ihrer hochrangigen Architektur und Ausstattung sei der ideale Ort dafür.

Die sehenswerten Tafeln der Ausstellung in der Unterkirche betonen vier von vielen möglichen Blickwinkeln des Themas: Kirchen des 20. Jahrhunderts als prägende Baukunstwerke für Dörfer und Stadtteile, als geistliche Lebensräume, als kulturelle Mittelpunkte und als herausfordernde Werte. Ihre neuen Nutzungen stellen wichtige Zukunftsfragen an Kirche und Gesellschaft, wie sich beim Gang durch die Ausstellung mit der jungen Projektleiterin, der Marburger Diplom-Theologin und Kunsthistorikerin Karin Berkemann, zeigte. Soviel wurde noch nie über dieses Thema diskutiert.

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Kirche wurde Kneipe

Nicht jeder Kirchenbau des 20. Jahrhunderts wird allgemein als ungehobener Schatz gesehen. Aber ihr Leerstand oder manche Umnutzung rufen gleichfalls Widerspruch hervor. Die Ausstellung zeigt dafür anschauliche Beispiele. Dass etwa die ehemalige Martinikirche in Bielefeld inzwischen als Kneipe genutzt wird, wird nur dadurch gemildert, dass dabei ihr architektonischer Rang respektiert wurde. Dagegen wurde aus einer ehemaligen Notkirche im Westfälischen ein geschmackloses Wohn- und Geschäftshaus – ein Besucher kommentierte dazu schlicht: „Disneyland“.

Zur Eröffnung spielte das Draganov-Quartett auf gewohnt hohem Niveau zwei Streichquartette aus dem 20. Jahrhundert, die neben dem Grundton F auch die Haltung der kontrollierten Klangsinnlichkeit gemeinsam haben: dasjenige von Maurice Ravel und zuvor das herbere von Günter Raphael, der einige Zeit Dozent in Duisburg war.

(RP)
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