RP-Serie Duisburger Geschichte und Geschichten: Die Protestbewegung der "68er"

RP-Serie Duisburger Geschichte und Geschichten: Die Protestbewegung der "68er"

Das Duisburger Archiv für alternatives Schrifttum (afas) bewahrt die Geschichte der sozialen Bewegungen in NRW. Der Umzug von Rheinhausen nach Duisburg-Mitte ist abgeschlossen. Am 24. Februar erfolgt die offizielle Neueröffnung.

Wer das Archiv auf der Münzstraße 37-43 (3. Etage "Knüllermarkt") nach Terminvereinbarung besucht, den umweht unweigerlich der Zeitgeist der 60er und 70er Jahre - und die Folgen. Bilder von Kommunarden und Straßenkämpfen, Friedensfestivals, Woodstock und Antikriegsdemonstrationen entstehen im Kopf des Besuchers. Doch 50 Jahre danach droht die Erinnerung zu verblassen oder gar in nostalgische Klischees der "APO-Opas" abzudriften.

Die Überlieferungssicherung ist dem Archivleiter, Dr. Jürgen Bacia , ein zentrales Anliegen. Neben den überregionalen Archivschwerpunkten interessiert die Duisburger natürlich die lokale Geschichte. Wie lief es vor 50 Jahren eigentlich in Duisburg - gab es hier überhaupt eine Protestbewegung? Schließlich war Duisburg keine Studentenhochburg wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt. Aber es war gerade das gemischte Milieu, das hier eine bunte und vielfältige Szene entstehen ließ. 1966 gründete sich die erste Duisburger Protestsonggruppe "Les Autres" mit Peter Bursch, die sich dann in "Bröselmaschine" umbenannte. 1968 startete das linke Alternativ-Magazin "Der Metzger" mit dem Herausgeber Helmut Loeven - der führt heute noch einen alternativen Buchladen in Neudorf. Anfang der 70er unterschied sich Duisburg deutlich von den Studentenmetropolen - die Milieus in Duisburg waren nicht scharf abgegrenzt und weniger gewaltbereit als in Berlin, Hamburg oder Frankfurt. In Duisburg protestierten Schüler, Lehrlinge, Gewerkschaftler, Arbeiter und Frauen zwar gegen die Erhöhung der Fahrpreise im öffentlichen Personennahverkehr, aber es waren eher friedliche Blockaden und Sitzstreiks. An der damaligen Pädagogischen Hochschule und an der Fachhochschule gab es BaföG-Streiks, Vorlesungsboykott und "Streiksemester". Die Forderungen nach einer Studienreform und Integration in den Hochschulbereich wurden lauter. Auch das Straßenbild und die Stimmung veränderten sich. So bot das Frauenzentrum an der Walzenstraße Beratung in Notlagen an. Die ersten Duisburger Kommunen, der "Head-Shop" Knubbels Garten, ein Hippieladen, waren so populär, dass der Spiegel in der Ausgabe 33/71 darüber berichtete. Plötzlich sah man am "Heiratsmarkt" auf der Königstraße langhaarige Männer und Frauen im Hippie-Look. Die angesagte Teestube "Shalom" und die ersten Wohngemeinschaften entstanden. Die "Szene" changierte zwischen politischem Anspruch und Hippie-Kultur. Im liberal-progressiven Amsterdam versorgte man sich mit Haschisch und nahm begierig Impulse der dortigen Kulturszene auf. Zu dieser Zeit gewann die Idee Konturen, ein selbstverwaltetes Kulturzentrum in Duisburg zu gründen. Die Gründer verstanden sich als Teil der politischen Bewegung. Trotz bürokratischer Widerstände gelang es tatsächlich, das erste selbstverwaltete und unabhängige Kulturzentrum der Bundesrepublik am 29.10.1974 zu eröffnen. Gleich drei Professoren sprachen zu den über 200 jugendlichen Besuchern; darunter der prominente Robert Jungk , Zukunftsforscher und Bestsellerautor. Der sah das Eschhaus als Beitrag zur "Belebung der Demokratie". Nach kreativem Start scheiterte das Experiment in den 80er. Die Anwohner waren genervt von Lärm, Drogen und der wachsenden Punkszene.

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Das Eschhaus wurde 1987 abgerissen. Doch was ist geblieben? Wie reagierten die Etablierten auf die Protestbewegung? Der Polit-Apparat nahm die Anstöße zum Teil auf und finanzierte Projekte der Protestbewegung - oder schuf Beauftragtenstellen. Auf der anderen Seite entstanden Allianzen zwischen Studenten, Professoren, Studentenpfarrer, Kommune und politischen Bewegungen.

Nicht zuletzt hat die Protestbewegung die Universitätsgründung von 1972 befördert. Die Überlieferungssicherung aller Duisburger Archive schützt nicht nur vor dem Vergessen; sie hilft auch bei der Analyse erfolgreicher sozialer Veränderungsprozesse.

(RP)