Duisburg: Die Leiche, die keine war

Duisburg : Die Leiche, die keine war

Mord und Totschlag gehören im Rechtsmedizinischen Institut nicht zur Tagesordnung. Doch im Laufe der Jahre haben die Mitarbeiter dennoch einige spannende und skurrile Fälle bearbeitet, die wir in einer Serie vorstellen.

Rechtsmediziner Dr. Eberhard Springer obduzierte gerade seinen letzten Fall des Tages, als das Telefon klingelte. Ein Bestatter fragte an, ob er ihm noch schnell eine tote Frau vorbeibringen könne, ein Suizid-Fall. Springer willigte trotz der vorgerückten Zeit ein, er sei ja schließlich noch da.

Wenig später hatte Springer die Frau auf seinem Obduktionstisch. Doch irgendetwas stimmte mit der Leiche nicht: keine Totenflecken, keine Leichenstarre, keine Form der Verwesung. "Das sind die drei untrüglichen Anzeichen für den Tod", sagt Dr. Lars Althaus, Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts am Klinikum Duisburg. "Ohne eines dieser Merkmale darf der Arzt keinen Totenschein ausstellen."

Dennoch hatte der Arzt, der nach dem Auffinden der Frau hinzugezogen worden war, das Dokument bedenkenlos unterzeichnet. Doch Eberhard Springer war gründlicher. Da die äußeren Anzeichen für einen Tod fehlten, fühlte er den Puls der Frau. Ganz schwach war er noch zu spüren. Springer rief sofort den Notarzt, die Frau wurde ins Krankenhaus gebracht und überlebte.

Weihnachtskarten

"Die Frau hatte Tabletten genommen. Da reduzieren sich die Lebensfunktionen oft auf ein Minimum", erklärt Althaus. Deshalb sind diese Menschen leichenblass. Und: Der Pulsschlag ist nur noch schwach zu spüren. Auslöser für den versuchten Suizid war Liebeskummer gewesen. "Als der vergangen war, hat sich die Frau bei Dr. Springer für sein aufmerksames Hinsehen bedankt", sagt Althaus. Denn ohne ihn hätte sie kaum überlebt. "Sie hat mehrfach Glück gehabt, unter anderem, dass Dr. Springer sie an diesem Tag noch angenommen hat", sagt Althaus. Das sah die Frau wohl ebenso: "Sie hat ihm noch viele Jahre lang Weihnachtskarten geschrieben."

Dass Menschen für tot erklärt werden, obwohl sie noch leben, ist zwar selten, doch es kommt vor. "In Deutschland gibt es etwa vier bis sechs Fälle im Jahr", sagt Althaus. Und immer wieder komme es vor, dass vermeintlich Tote dann tatsächlich sterben, und zwar an Unterkühlung in der Leichenhalle. "Es gibt vereinzelt Menschen, die eine solche Angst davor haben, lebendig begraben zu werden, dass sie in ihrem Testament anordnen, nach ihrem Tod obduziert zu werden", sagt Althaus.

Möglich werden solche falschen Todesdiagnosen durch mangelnde Gründlichkeit des Arztes. Aus eben diesem Grund blieben auch viele Tötungsdelikte unentdeckt. "Schätzungsweise kommt in Deutschland auf ein bekanntes Tötungsdelikt ein unentdecktes", sagt Althaus. Es werde eben zu selten obduziert. Das vermeintliche Suizid-Opfer dagegen hatte Glück, auf dem Tisch der Rechtsmedizin zu landen.

(RP)