Duisburg Die Kunst, mit den Ohren zu sehen

Duisburg · Mit welchen sprachlichen Mitteln können Filmszenen beschrieben werden, damit auch Menschen mit einer Sehbehinderung sich ein "Bild" machen können? Schüler der LVR-Johanniterschule probierten es aus in einem einzigartigen Projekt, das sich hören lassen kann.

 Schüler der LVR-Johanniterschule haben gemeinsam ihre Fähigkeiten als Filmbeschreiber getestet und die 15-minütige Dokumentation "Krokodile ohne Sattel" so besprochen, dass auch blinde Menschen der Handlung folgen können.

Schüler der LVR-Johanniterschule haben gemeinsam ihre Fähigkeiten als Filmbeschreiber getestet und die 15-minütige Dokumentation "Krokodile ohne Sattel" so besprochen, dass auch blinde Menschen der Handlung folgen können.

Foto: Christoph Reichwein

Daniel beherrscht die Kunst, mit seinen Ohren zu sehen. Der 14-jährige Schüler ist zwar vollständig blind und auf einen Langstock angewiesen, mit dem er sein Umfeld ertastet - doch dafür ist sein Gehör ausgeprägter als bei Menschen mit Sehkraft. Nun hatte Daniel Gelegenheit, seine Stärke in einem einzigartigen Projekt einzubringen.

Acht Schüler der LVR-Johanniterschule haben gemeinsam ihre Fähigkeiten als Filmbeschreiber getestet und die 15-minütige Dokumentation "Krokodile ohne Sattel" so besprochen, dass auch blinde Menschen der Handlung folgen können. "Klingt einfach, ist aber sehr spannend und aufregend", sagt Medienpädagoge Christian Kosfeld, der das Projekt leitete.

In dem Film begleitet Regisseurin Britta Wandaogo ihre Tochter Kaddi Malika und stellt ihre philosophischen Gedanken sowie Erklärungen zum Leben vor. Daniel unterstützte seine Mitschüler, indem er in den jeweiligen Gruppen prüfte, ob er als blinder Mensch der Handlung anhand der Audiodeskription folgen kann. "Die Erläuterungen waren sehr hilfreich", lobt der 14-Jährige seine Mitschüler.

Das Ergebnis wurde gestern in der Aula der Schule präsentiert und kann sich durchaus hören lassen. "Ein ungefähr 13-jähriges afrikanisches Mädchen guckt in die Kamera. Sie zeigt auf Hochhäuser und malt mit ihren Fingern in der Luft", wird eine der ersten Szenen des Films detailliert beschrieben.

Das Projekt stand unter dem Motto "Wir zeigen es allen!" und umfasste fünf Tage mit jeweils drei Zeitstunden. Ins Leben gerufen wurde es von "doxs!" - der Kinder- und Jugendsektion der Duisburger Filmwoche. Zunächst diskutierten die Schüler, was eine Audiodeskription überhaupt ist und was sie leisten soll. Nach einigen spielerischen Übungen stand an den Tagen zwei und drei die gemeinsame Sichtung des Films auf dem Programm. Jede der zwei zuvor gebildeten Gruppen erstellte ein Manuskript, das im Laufe der Übungen kontinuierlich verfeinert und erweitert wurde.

Nach der Gesamtfassung mit Live-Lesung an Tag vier folgten am letzten Tag schließlich Probe und Aufzeichnung in einer portablen Aufnahmestation. Die fertige Tonspur mit den Schülerstimmen wurde anschließend in einem professionellen Tonstudio in Frankfurt am Main der Hauptmischung zugespielt und nach Fernsehnorm ausgesteuert.

"Es war sehr interessant. An den Stellen, an denen die Darstellerin geredet hat, war es besonders schwierig, die Handlung zu beschreiben", resümiert die 14-jährige Lara, die die achte Klasse besucht.

Bereits 2012 realisierten Schüler in dem Projekt "Junge Filmbeschreiber" eine eigene Audiodeskription zu dem Kurzfilm "Sturmfrei" von Sarah Winkenstette, die als Bestandteil der Film-DVD für den schulischen Einsatz und die medienpädagogische Arbeit veröffentlicht wurde. Waren 2012 Schüler der Klassen neun und zehn beteiligt, waren es diesmal Nachwuchssprecher aus den Klassen sechs, sieben und acht.

(RP)