Duisburg: Die konstruktive Zumutung

Duisburg: Die konstruktive Zumutung

Am Dienstag feiert Hans de Boer, der jahrelang als Weltreisender in Sachen Frieden und Gerechtigkeit unterwegs war, der Bestseller schrieb und rund 9000 Vorträge hielt, die Vollendung seines 85. Lebensjahres.

Mit den Missliebigkeiten des Alters kämpft Hans de Boer, der jahrelang als Weltreisender in Sachen Frieden und Gerechtigkeit unterwegs war, der fünf Bestseller über das schrieb, was er "Unterwegs erfahren" (so ein Buchtitel) hatte und der mittlerweile rund 9000 Vorträge hielt, ähnlich wie andere Menschen seiner Generation. Ansonsten ist Hans de Boer, der am kommenden Dienstag 85 Jahre alt wird, ein Mensch, der seinesgleichen sucht.

Hans de Boer ist einer, der Worte formuliert, die einen erstarren lassen. Zum Beispiel, dass "wir absichtlich Millionen von Menschen verhungern lassen" oder dass Männer und Frauen seiner Generation eine "Versagergeneration" sind. Stets redet Hans de Boer dabei in der Wir-Form. Entlastung sucht der streitbare Theologe nicht. Er lässt aber auch nicht die Ausrede gelten, dass "man sowieso nichts tun kann". Deshalb beharrt er auf seinen Aussagen: "Absichtlich" lassen wir Menschen verhungern, weil wir ja über das Leid in der Dritten Welt informiert sind. Gegen de Boers radikale Schuldzuweisungen und Schuldbekenntnisse lässt sich gewiss vieles einwenden. De Boer hat viele Beschimpfungen wegen seiner harschen Worte ertragen müssen. Das nimmt er in Kauf. Seine Lebensaufgabe sieht er, wie gestern sagte, darin, "konstruktive Zumutungen zu liefern". Nach wie vor kämpfe er "gegen unsere Wohlfühlgesellschaft", die in seinen Augen nichts anderes als "verdammte Gleichgültigkeit" ist.

Ehrungen bekam de Boer übrigens auch. Eine der schönsten war, dass er in dem Band "Unbeirrbar" als einer von 29 Persönlichkeiten des 20\. Jahrhunderts porträtiert wurde, die sich gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit eingesetzt haben. Heinemann und Bonhoeffer, beide von de Boer in Ehren gehalten, sind ebenfalls in dem Band vertreten. Seine letzte große Reise führte ihn 2006 in den Irak, wo er sich persönlich um die Freilassung von entführten Geiseln bemühte. Sein Einsatz wurde nicht belohnt. US-Sicherheitskräfte traktierten ihn mit Pfefferspray, verletzten sein rechtes Auge. Später wurden drei Geiseln befreit, eine Geisel starb. Ernüchternd stellt de Boer fest, dass er zu 99 Prozent keinen Erfolg gehabt habe. Aber "dieses eine Prozent lässt mir keine Ruhe".

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Seit vier Jahren bleibt de Boer, der fast 50 Jahre lang an allen Krisenherden der Welt war, um dort gewissermaßen als menschliches Symbol für Werte wie Frieden und Gerechtigkeit einzutreten, in Deutschland. Vor einem Jahr zog er, als unumgängliches Zugeständnis ans Alter, zähneknirschend in eine seniorengerechte Wohnanlage. Aber nach wie vor hält er Vorträge, im Durchschnitt zweimal in der Woche. Meist vor jungen Leuten, denen der ehemalige Berufsschulpfarrer das Einmaleins der Menschlichkeit beibringen möchte. Wer ihn kennt, weiß, dass dies nicht behutsam geschieht.

"Gesegnete Unruhe" ist sein Motto und zugleich der Titel seiner im Lamuv-Verlag erschienenen Autobiografie, die in vierter Auflage erschienen ist. Halb scherzend pflegt Hans de Boer sich am Telefon mit den Worten zu melden "Entschuldige, dass ich lebe". — Wir alle können froh sein, dass es ihn gibt.

(RP)
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