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Duisburg: Die Königin wird nicht geduzt

Duisburg : Die Königin wird nicht geduzt

Fast vier Jahre ist Wolfgang Wallrich Pfarrer der deutschen Gemeinde Stockholm. In der schwedischen Hauptstadt fühlt er sich inzwischen ebenso zu Hause wie – immer noch – in Rheinhausen.

Keine ruhige Minute hat Wolfgang Wallrich, wenn er mal wieder in Bergheim ist. Da wird gegrüßt, gewinkt, was machen die Kinder, wie geht’s der Frau, na, wieder im Lande? Bergheim lächelt und Wallrich lächelt zurück: „Es ist schön, nach Hause zurück zu kommen.“ Fast 25 Jahre lang hatte er im Gemeindehaus Auf dem Wege gewirkt, bevor er Mitte 2003 Pfarrer der deutschen Gemeinde in Stockholm wurde. Pudelwohl fühlt er sich dort. „Wenn ich zurück fahre, fahre ich auch nach Hause!“

Rund 2000 Mitglieder zählt die Gemeinde in Stockholm: Ehemalige Weltkriegsflüchtlinge zählen ebenso dazu wie Auswanderer. „Wir haben jeden Monat ein Treffen für neu Zugezogene. Ärzte und Lehrer werden in Schweden gesucht“, berichtet Wallrich. „Man muss natürlich die Sprache sprechen.“ Sein Schwedisch sei mittlerweile passabel. Man glaubt’s. Beim Grüßen verfällt er gerne ins schwedische „Hej!“, und dass in Schweden jedermann geduzt wird, liegt dem geselligen 59-Jährigen auch. Andere schwedische Eigenheiten seien gewöhnungsbedürftiger: „Die Schweden sind reservierter, zurückgezogener als wir.“ Auf der anderen Seite herrsche eine große Ruhe, Gelassenheit, Unkompliziertheit. „Eine Debatte über das Rauchen wie in Deutschland gibt es gar nicht. Die Regierung sagt, es wird nicht geraucht – und es wird nicht geraucht.“ Sagt der bekennende Pfeifenraucher Wallrich.

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Natürlich hat das Duzen auch mal ein Ende: bei Königin Silvia. Sie gehört zu den Schäfchen von Wolfgang Wallrich. „Ein paar Mal im Jahr kommt sie zum Gottesdienst. Ich darf sie dann am Tor abholen.“ Die Gottesdienste hält Wallrich in deutscher Sprache. Doch sonst sei so gut wie alles anders als in Rheinhausen. Das Gemeindehaus Auf dem Wege: ein moderner Zweckbau. Die St.-Gertruds-Kirche in Stockholm: herrlichster Barock. „Das Gemeindehaus ist ein richtiges Kommunikationszentrum, da sind Pfarrer und Gemeinde in direktem Kontakt.“ In Stockholm predigt Wallrich von einer großen Kanzel. Die Gottesdienste seien gut besucht und dank zweier Orgeln und häufiger Chorauftritte wunderbar: „Es ist immer wie ein großes Fest.“

Das Interesse der „Exildeutschen“ an der Heimat sei riesig. So werde die Gemeinde auch zu einem sozialen Zentrum. „Was ist Heimat? Sprache und Essen“, philosophiert der Pfarrer. Stichwort Sprache: Deutsche Bücher, deutsche Filme – man reiße sich geradezu darum. „Und noch nie habe ich zu Weihnachten deutsche Lieder mit solcher Inbrunst gesungen gehört.“

Stichwort Essen: Wallrich und seine Frau Bettina haben in Stockholm ein Grünkohlessen eingeführt. „Es findet immer Ende Januar statt. Wir hatten zuletzt 157 Anmeldungen!“ Grünkohl werde im Land der Elche sonst nur als weihnachtliche Tischgarnitur verwendet; da staunten die Schweden nicht schlecht, als Wallrichs ganze Massen davon wollten. Mettwurst sei in Schweden völlig unbekannt: „Die kriegen wir aus Rheinhausen, von der Metzgerei Menges.“

Sechs Jahre läuft der Vertrag von Wallrich in Stockholm, eine dreijährige Verlängerung ist möglich. Und dann? Dann wolle er, wenn’s geht, den Winter in Deutschland und den Sommer in Schweden verbringen: „Einen Sommer in nichtschwedischer Luft kann ich mir nicht mehr vorstellen.“

(RP)