Die Geschichte der Weißen Riesen in Duisburg

Geschichte der „Weißen Riesen“ : Vom Bankdirektor bis zur Rotlichtgröße

In den „Weißen Riesen“ zu wohnen, galt einst als schick. Udo Vohl und Reinhard Stratenwerth vom Freundeskreis Historisches Homberg erinnern sich an den Umbau der Rheinpreußensiedlung vor 50 Jahren.

Blick Richtung Westen aus dem Fenster des Heimatmuseums. Klar, die „Weißen Riesen“ sind nicht zu übersehen, aus der vierten Etage schon gar nicht. Direkt hinter den (geräumten) Häusern an der Husemannstraße ragen die sechs 20-Etager in den Hochheider Himmel. Und es hätten noch deutlich mehr Hochhäuser sein können, sagen Udo Vohl und Reinhard Stratenwerth vom Freundeskreis Historisches Homberg (FHH). Mehr dazu später.

Die beiden Vorstandsmitglieder sitzen am Tisch im Heimatmuseum, vor ihnen liegen ein dicker Ordner und Broschüren. Inhalt: Die Entstehung des „neuen“ Hochheide, die vor inzwischen fast einem halben Jahrhundert begann. „Heute ist es unvorstellbar, besonders die Wohnungen in den sechs Hochhäusern waren sehr gefragt und schnell belegt“, blickt Udo Vohl zurück auf die Zeit, in der in Hochheide sagenhafte 2937 Wohnungen entstanden. Die Bevölkerung wuchs damals um ein Vielfaches, heute leben rund 15.000 Menschen in Hochheide.

Rotlichtgrößen sollen in den modernen Hochhäusern ebenso gewohnt haben wie Arbeiter, aber auch Bankdirektoren, erinnert sich Vohl. Sogar die aus Essen stammende Schlagersängerin Juliane Werding („Am Tag, als Conny Kramer starb“) soll einst in einer der Wohnungen gewohnt haben. Bestätigt hat dies ihre Agentur bislang jedoch noch nicht. Es galt als schick, in einem der Riesen zu leben. Jeder kannte irgendwen, der dort wohnte und sich am Komfort eines Aufzuges, geräumig geschnittener Wohnungen und eines eigenen Bades erfreute.

Bauherr Josef Kun, er zeichnete für das Neubauviertel in seiner Heimatstadt verantwortlich, rannte damals bei seinen Hombergern offene Türen ein. Kritik gab es kaum, „Jupp“ Kun, der heute 89-jährig in Bad Abbach (Bayern) lebt, führte die Hochheider aus den muffigen Zechenhäuschen in die moderne Großstadt. Der gelernte Maurer, laut Udo Vohl ein „angenehmer Kumpeltyp“, sollte deutschlandweit zehntausende Wohnungen hochziehen, die Rede ist von 34.000 Wohnungen made by Kun. Im Sommer 1973 dann der Schock: „Deutschlands Baulöwe kaputt“ titelte damals die Bild-Zeitung und schrieb von 3500 Arbeitern, die jetzt auf der Straße stünden und auch von 560 Millionen Mark Schulden, die der Baulöwe angehäuft haben sollte. „Er soll sich mit Krediten verzockt haben, sagen Vohl und Stratenwerth.

So blieb den Hochheidern Teil 2 der „Sanierung Siedlung Rheinpreußen“ erspart. Was allerdings nicht nur am Bankrott Josef Kuns lag, sondern auch daran, dass die Menschen den bis heute erhaltenen Teil der Rheinpreußensiedlung nicht einer weiteren Hochhaus-Bebauung opfern wollten. Es gab Protestmärsche und 1979 einen Hungerstreik. Die Siedlung blieb und die Homberger sind stolz darauf. „Das größte, fünf Meter breite Transparent von damals ist wieder aufgetaucht“, freut sich Stratenwerth.

Auch die beiden Heimathistoriker freuen sich auf die Sprengung des ersten „Weißen Riesen“. Sie kennen noch das beschauliche Hochheide von früher. Leerstand, Vermüllung und steigende Kriminalität hätten das Quartier herunterkommen lassen, Zeit für einen Neuanfang. Den ersten Schritt dazu kann Reinhard Stratenwerth aus nächster Nähe verfolgen. Seine Wohnung mit bestem Blick aufs Sprengobjekt Friedrich-Ebert-Straße 10-16 liegt gerade noch außerhalb der Evakuierungszone...

(dc)
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