Angelika Hoffmann und Pastor Thomas Pulger: Die Gemeinde als Mutmacher-Modell

Angelika Hoffmann und Pastor Thomas Pulger : Die Gemeinde als Mutmacher-Modell

Als das Bistum die Entscheidung bekanntgab, die Gemeinde St. Barbara aufzugeben, widersetzten sich Gemeindemitglieder und starteten die Initiative "Rettet St. Barbara". Mittlerweile wurde ein Konzept für den Erhalt der Gemeinde entwickelt.

Mit der für Ende dieses Jahres geplanten Fusion der Pfarreien St. Johann und St. Norbert erhält die Gemeinde St. Barbara keine Kirchensteuermittel mehr für den Erhalt und den Betrieb von Kirche und Gemeinderäumen. Auch soll ab 2016 kein Priester mehr dauerhaft in der Gemeinde präsent sein. Um den Erhalt der Gemeinde zu sichern, wurde die Initiative "Rettet St. Barbara" gegründet. Angelika Hoffmann ist Kopf dieser Initiative, Thomas Pulger ist seit 2008 Pastor der Gemeinde St. Barbara.

Wie stark ist die Initiative "Rettet St. Barbara"?

Angelika Hoffmann Was heißt stark? "Stark" ist ein starkes Wort. Da wäre zunächst einmal zum Begriff passend: charakterstark, nervenstark, willensstark. Das trifft auf unsere Förderer des Fördervereins St. Barbara zu. Zum Begriff gehört auch noch kampfstark. Das haben die Menschen, die für die Kirchenrettung vor zwei Jahren auf die Straße gegangen sind, auch gezeigt. Jetzt zu den nackten Zahlen: Es sind fast 500 Mitglieder, dabei auch Verbände und Gruppen, die bis jetzt dem Förderverein beigetreten sind. Die ist schon eine schöne stattliche Zahl. Aber es sollten noch mehr werden. Daran arbeiten wir sehr intensiv. Unser Ziel sind mindestens 1000 Mitglieder.

Wie wurde der Brief des Bischofs aufgenommen, Ihr Gemeindekonzept zu unterstützen?

Pastor Pulger Die Entscheidung des Bischofs im September hat bewirkt, dass viele Menschen noch mal zusätzlich ermutigt worden sind, unser Projekt zu unterstützen.

Welche realistische Chance haben Sie, erfolgreich zu sein?

Angelika Hoffmann Sehr gute, sonst hätten wir diesen Weg gar nicht erst beschritten. Das Wichtigste für einen Erfolg ist: Solange die Menschen in unserem Stadtteil und über die Gemeindegrenzen hinaus, die Kirche St. Barbara als Veranstaltungsort, als spirituelle Heimat und kulturelles Zentrum wahrnehmen und annehmen, brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Alles weitere kommt dann von selbst. Außerdem erfahren wir für unsere Arbeit sehr viel Zuspruch und Unterstützung: Nicht nur aus der Gemeinde und dem Stadtteil, sondern auch aus der Pfarrei und ihren Gremien, aus der Duisburger Stadtgesellschaft und natürlich auch aus dem Bistum. Wir blicken darum sehr optimistisch in die Zukunft.

Sie haben für das Gemeindeleben ein Konzept entwickelt, das auf "fünf Säulen" beruht. Wie sieht das, kurz skizziert, aus?

Pastor Pulger Im Grunde geht es darum, wie sich eine Gemeinde auch ohne die Anleitung durch einen Priester vor Ort selber organisieren und verwalten kann. In der Praxis ist es heute schon so, dass ein großer Anteil der in einer Gemeinde anfallenden Aufgaben von ehrenamtlich tätigen Laien geleistet wird - vom Küsterdienst bis zum Kommunionunterricht. Wir haben damit in St. Barbara eine lange und gute Tradition und können darum auf diese Erfahrungen jetzt aufbauen. Konkret ist es so, dass etwa 30 Menschen aus unserer Gemeinde das gesamte Gemeindeleben in fünf Arbeitsgruppen, den sogenannten "Säulen" des Konzeptes komplett eigenverantwortlich organisieren. Die fünf Säulen umfassen alle seelsorglichen bzw. pastoralen, und sozialen Bereiche, sowie die Verwaltung und Bewirtschaftung der Gebäude. Diese Arbeitsgruppen treffen sich regelmäßig und arbeiten in ihren "Geschäftsbereichen" selbständig und autark. Mindestens einmal im Quartal treffen sich die Vertreter aller fünf Säulen zu einem Runden Tisch, an dem dann die grundlegenden Entscheidungen für die Gemeinde getroffen werden.

Wo kommt künftig der Priester vor?

Pastor Pulger Ein Priester wird in St. Barbara nur noch für die Feier der Eucharistie und die Spendung der Sakramente in Erscheinung treten und nicht mehr dauerhaft präsent sein, wie es die Menschen jetzt noch gewohnt sind. Die Finanzierung und wirtschaftliche Absicherung der Gemeinde ist Aufgabe des Fördervereins, der ebenfalls Teil des runden Tisches ist, wie übrigens auch ein Vertreter der Pfarrei.

Der Punkt "Wirtschaftliche Sicherung" ist wohl der schwierigste. Wie viel Geld muss der Förderverein jährlich einnehmen und wie soll das geschehen?

Angelika Hoffmann Die laufenden Kosten für den Unterhalt des Kirchengebäudes, der Gemeinderäume und die Finanzierung unserer Gemeindearbeit belaufen sich auf rund 22 000 Euro pro Jahr. Diese Summe können wir durch die Mitgliedsbeiträge, Vermietungen unserer Räume, Spenden und durch eigene Veranstaltungen relativ problemlos erwirtschaften. Klar ist aber auch: Für Rücklagen oder unplanmäßige größere Ausgaben ist derzeit kein Spielraum vorhanden. Wir sind darum für jede Form materieller Unterstützung äußerst dankbar. Ohne unsere Spender und Sponsoren, denen ich an dieser Stelle herzlich für ihr Engagement danken möchte, wäre unsere Arbeit nicht möglich.

Glauben Sie, dass das "Modell St. Barbara" Vorbild für viele andere Gemeinden im Bistum Essen und vielleicht sogar darüber hinaus wird?

Angelika Hoffmann Unser Modell soll vor allem ein Mutmacher-Modell sein. Es soll anderen Gemeinden, die von Schließungen bedroht sind, eine Alternative aufzeigen: Macht Bestandsaufnahme. Was wollen wir? Was können wir leisten? Und aus diesen Überlegungen dann ein Modell auf die eigene konkrete Situation Vorort entwickeln. Die wichtigste Botschaft aber ist: Lasst euch nicht hängen, sondern werdet rechtzeitig aktiv! Agieren statt reagieren, handeln, statt behandelt werden.

Ohne Ehrenamtliche funktioniert das Modell wohl nicht...

Pastor Pulger Das Modell St. Barbara kann insofern Vorbild sein, dass Ehrenamtliche in noch stärkerem Maße Verantwortung im Hinblick auf Gemeindesein entwickeln. Da viele Kirchen nicht nur im Bistum Essen in ihrer Existenz gefährdet sind, kann das Modell Ansporn sein, Kräfte zu mobilisieren und Ideen zu entwickeln, Gemeinde vor Ort zu erhalten.

(RP)
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