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Problemhaus in Duisburg: Die Angst vor der Eskalation

Problemhaus in Duisburg : Die Angst vor der Eskalation

Rund um das Problemhaus "In den Peschen" wächst bei den Anwohnern die Angst, sich selbst zu vergessen. Denn an der schwierigen Lage in dem Hochhaus habe sich nichts geändert. Und täglich wächst die Wut auf "die da oben".

Hans-Wilhelm Halle schreibt seine Notizen mit einem Kugelschreiber der SPD. Der Rentner ist Mitglied beim Ortsverein, die SPD-Bundestagsabgeordnete grüßt Halle — ganz Genosse — mit Vornamen.

Doch die "Bärbel", der "Sören" und all die anderen "von da oben", haben derzeit keinen guten Stand im weiß getünchten Reihenhäuschen an der Beguinenstraße 4. Hans-Wilhelm Halle hat seine Wut noch am Morgen in den nächsten Protestbrief gegossen. Adressat ist diesmal der SPD-Landtagsabgeordnete Rainer Bischoff. "Noch so einer, der große Reden schwingt und uns im Stich lässt", sagt Halle und glättet den Schrieb mit seinem Ellenbogen.

Bischoff dürfte einige Briefe bekommen. Er hat sich den Zorn einer ganzen Straße zugezogen. Und das nur, weil der SPD-Politiker die Nachbarschaft des Problemhauses "In den Peschen 3-5" per Pressemitteilung aufgefordert hatte, sich deutlich von rechtsradikalen Parolen im Internet zu distanzieren. Ganz offen hatten Duisburger am Wochenende in einem sozialen Netzwerk zur Gewalt gegen die Bewohner des Problemhauses aufgerufen. "Deshalb ist dieses Zeichen jetzt wichtig", findet Bischoff. Die Rattenfänger der rechten Parteien sollten deutlich vernehmen, "dass in Rheinhausen für sie nichts zu holen ist."

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Doch das politische Interesse des Parlamentariers ist von den Sorgen der Menschen in der Beguinenstraße meilenweit entfernt. "Wir haben uns bereits distanziert, als die Rechten hier vor dem Haus aufgezogen sind", sagt Halle. An dieser Position habe sich nichts verändert. An der Situation auf der anderen Straßenseite aber auch nicht. "Seit eineinhalb Jahren fordern wir die Stadt und die Politik auf, uns zu helfen, diese beschissene Situation endlich zu lösen." Und nun müsse man sich auch noch Aufforderungen gefallen lassen.

Hans-Wilhelm Halle hat die Nachbarschaft in sein Esszimmer geladen. Für alle im Raum ist klar, was ganz schnell passieren müsste, um allen im Viertel zu helfen. "Das Hochhaus muss geräumt werden. Die Bewohner müssen vernünftige Wohnungen bekommen. Dann kann die Integration auch funktionieren, und die Lage wäre entspannt", sagt Karsten Vüllings. Es reiche nicht, wenn Polizei und Ordnungsamt hin und wieder mal Präsenz zeigten. "In meiner Kneipe — und die ist durch und durch bürgerlich — werden die Parolen immer aggressiver", erzählt Vüllings.

Und auch in den kleinen Gesprächsrunden wird die Gratwanderung zunehmend schmaler. Alle wissen, dass die Klaukinder von Gegenüber wegen ihres Alters nicht verhaftet werden können. "Man müsste Zwölfjährige ausbilden, die denen mal zeigen, wo der Hammer hängt. Die haben ja dann auch nichts zu befürchten", sagt Einer und guckt gleich schuldbewusst. Das Viertel kocht, doch vor dem Ventil haben alle Angst. Schon vor einem Jahr schrieb die Nachbarschaft an den OB und warnte vor dem Schwelbrand. "Jetzt sind wir soweit, dass offen zur Gewalt aufgerufen wird. Ich habe wirklich Angst, dass hier irgendwann das Hochhaus brennt", sagt Dieter Hünten.

Er wohnt 100 Meter weiter, hat sich und seiner Familie noch ein Jahr Toleranz verordnet. "Wenn sich dann nichts verändert hat, dann ziehen wir weg." Hans-Wilhelm Halle hat aufgegeben. Er wird mit seiner Frau noch in diesem Jahr ein neues Haus in Rheinhausen beziehen. Das Reihenhaus an der Beguinenstraße will niemand haben. "Finanziell ist das Wahnsinn", sagt Halle. Aber was ist schon noch normal im Schatten des Hochhauses?

(RP)