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Duisburg: Der wirkungsvolle Pakt mit dem Leser

Duisburg : Der wirkungsvolle Pakt mit dem Leser

Das Akzente-Literaturprogramm startete im ehemaligen Café Alex mit einem Siegfried-Lenz-Abend. Der vorzügliche Literaturvermittler Hanjo Kesting führte zu Texten hin, die der Schauspieler Bernt Hahn eindrucksvoll las.

Vor vier Jahren, als noch niemand an die diesjährigen Akzente unter dem Motto "Heimat" dachte, brachte die Duisburger Stadtbibliothek aus Anlass des 85. Geburtstags von Siegfried Lenz einen Katalog über den großen Geschichtenerzähler heraus, dessen erster Beitrag den Titel trug "Auf der Suche nach der ,Heimat'". Über den Katalog habe sich Siegfried Lenz damals sehr gefreut, sagte Bibliotheksdirektor Dr. Jan-Pieter Barbian, als er jetzt den ersten Akzente-Literaturabend im ehemaligen Café Alex (Münzstraße/ Ecke Beekstraße) eröffnete.

Der Lenz-Abend war überschrieben mit einem Halbsatz aus dessen umfangreichstem Roman "Heimatmuseum": "... dass Weltkunde mit Heimatkunde beginnt - oder mit ihr endet." Als Motto könnte dieses fragmentarische Zitat, das die Überzeugung des Ich-Erzählers Zygmunt Rogalla wiedergibt, über dem gesamten Werk von Siegfried Lenz stehen. Das sagte der Referent des Abends, Hanjo Kesting, ein Meister der Literaturvermittlung, der Siegfried Lenz (1926 - 2014) persönlich gut kannte.

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Hanjo Kesting, von 1973 bis 2006 Leiter der Hauptredaktion "Kulturelles Wort" beim Norddeutschen Rundfunk und kreativer Literatur-Publizist, versteht es, die Menschen auf das Werk eines Schriftstellers neugierig zu machen. Er tut das in einer klaren, präzisen und stets angemessenen Diktion. Kesting macht keinen Hehl aus seiner Sympathie für Siegfried Lenz, über den er in seinem Vortrag sagte: "Da Lenz nie dazu neigte, den Mund voll zu nehmen, braucht er wenig zurückzunehmen."

Es ist nicht einfach, aus dem gewaltigen Werk von Siegfried Lenz, der 14 Romane und mehr als 150 Geschichten veröffentlicht hat, eine Auswahl zu treffen, die nicht willkürlich erscheint und in den Rahmen eines publikumsfreundlichen Literaturabends passt. Kesting ist das gelungen. Klug gab er Hinführungen zu aussagekräftigen Romanpassagen und wies beispielsweise auf das Thema Wasser hin, das für Lenz so wichtig war. Alles, was mit Flüssen, der See und der Seefahrt zusammenhängt, habe Lenz gewissermaßen im Blut gelegen. In seinem autobiografischen Essay "Ich zum Beispiel. Kennzeichen eines Jahrgangs" schrieb Lenz: "Ich wohnte in einem kleinem Haus am Seeufer, und der Lyck-See war für mich die Welt im Spiegel (...) Ich lernte fischen und schwimmen, bevor ich lesen lernte."

Kesting war der Leiter des Abends, der Schauspieler Bert Hahn las die Texte vor, auf die Kesting die Zuhörer unaufdringlich vorbereitete. Eindrucksvoll wirkten die autobiografischen Passagen, in denen Lenz beschreibt, wie er als Siebzehnjähriger Marinesoldat wurde und schon bald merkte, dass Hitler durchaus nicht der "Führer" war, den die Propaganda verklärte. Lenz spricht von der "gänzlichen Ahnungslosigkeit, die Heldentum erst ermöglicht". Lenz warf nach kurzer Marinezeit in der Hitlerzeit die Waffe fort, desertierte und versteckte sich vor den Nazis.

Nach dem Krieg hatte Lenz die masurische Heimat seiner Jugend verloren. In seinem Erzählungsband "So zärtlich war Suleyken" beschrieb er sie mit wunderschönen, eben "zärtlichen" Worten. Gerade dieser Verlust habe Heimat zu einem wichtigen Thema in seinem Gesamtwerk gemacht, sagte Kesting. In Hamburg habe Lenz eine zweite Heimat gefunden.

Kesting wies darauf hin, dass Lenz weltweit 30 Millionen Bücher verkauft hat. Sein literarisches Programm mit der schlichten Formel "Ich möchte einen wirkungsvollen Pakt mit dem Leser schließen" sei zwar zum Teil kritisch aufgefasst worden, doch sei es aufgegangen. "Ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen", hat Lenz geschrieben. Dass diese Geschichten nicht nur klug sind, sondern auch einen hohen Unterhaltungswert haben, bewies Bernt Hahn, als er die Geschichte "Ein geretteter Abend" vorlas, die Lenz zum 70. Geburtstags seines Freundes Marcel Reich-Ranicki geschrieben hatte.

Da verirrt sich ein Fisch- und Aquariumsexperte als Referent in einen Volkshochschulabend, bei dem es um Literaturkritik geht ("Scharfrichter oder Geburtshelfer"). Bald steht der Zackenbarsch (=Reich-Ranicki) im Mittelpunkt, der nur das frisst, was er mag und sich nicht ködern lässt.

Übrigens: Der Referent Hanjo Kesting verbindet Duisburg mit heimatlichen Gefühlen. Hier ist er aufgewachsen, machte am Max-Planck-Gymnasium Abitur, war hier ein überaus erfolgreicher Läufer und lernte vor 15 Jahren seine aus Rheinhausen stammende Frau kennen.

(RP)