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Interview mit Adolf Sauerland: "Der Oberbürgermeister kneift nicht"

Interview mit Adolf Sauerland : "Der Oberbürgermeister kneift nicht"

Trotz des Berichts der Staatsanwaltschaft, der elf Duisburger Rathaus-Mitarbeiter mitverantwortlich für die Loveparade-Katastrophe macht, sieht Adolf Sauerland bei der Stadtverwaltung keine Fehler. Sollte sich vor Gericht das Gegenteil herausstellen, will er zurücktreten.

Knapp ein Jahr nach der der Loveparade-Katastrophe hat sich Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland vor dem Stadtrat bei den Hinterbliebenen der 21 Toten entschuldigt und die moralische Verantwortung übernommen. Wer aber die politische Verantwortung zu übernehmen habe, müsse sich erst noch zeigen, sagt Deutschlands umstrittenster Oberbürgermeister. Er stehe das durch.

Herr Oberbürgermeister, was ist moralische Verantwortung?

Adolf Sauerland Moralische Verantwortung empfinde ich, weil ich einer von denen war, die sich dafür eingesetzt haben, dass die Loveparade in Duisburg stattfinden kann. Wir wollten die Loveparade hier in Duisburg unter der Voraussetzung, dass alle notwendigen Bedingungen erfüllt sind. Dieses Wollen führt dazu, dass man moralisch zumindest dafür verantwortlich ist, dass diese Veranstaltung auf den Weg gebracht wurde.

Was ist die Konsequenz daraus?

Sauerland Dass Sie damit umgehen müssen, dass Sie etwas gewollt haben, dass dann letztendlich zu einer Katastrophe geführt hat. Es bedeutet, dass Sie kein Außenstehender sind. Sie sind ein Teil davon. Das ist eine hoch persönliche Sache.

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Was haben Sie gehofft, wie nach fast einem Jahr Ihre Erklärung bei den Opfern und Hinterbliebenen ankommen würde?

Sauerland Es stimmt nicht, dass ich das erst nach einem Jahr getan habe. Ich habe es schon viel früher getan, auch öffentlich. Es fanden nur nicht alle berichtenswert. Als Oberbürgermeister tut man fast nichts nicht-öffentlich, aber ich mache keine Medien-Inszenierungen. Die Erklärung war eine Sache, die vor dem Jahrestag gesagt werden musste. Ich bin mit einigen Hinterbliebenen in Kontakt, da sprechen wir auch über solche Dinge. Aber darüber rede ich nicht öffentlich.

Für viele war es offensichtlich in dieser deutlichen Form aber neu. Was hat Sie daran gehindert, es gleich nach der Katastrophe offen zu sagen?

Sauerland Nach der Katastrophe war mein Bestreben zunächst, keine juristischen Fehler zu machen. Das ergibt sich aus der Stellung, die der Oberbürgermeister nach der Gemeindeordnung hat. In dem Medien-Hype danach war es für mich schwierig, darüber zu sprechen.

Sie haben angekündigt, auch politische Verantwortung zu übernehmen, wenn geklärt ist, wofür Sie verantwortlich sind ...

Sauerland Nein, ich habe gesagt: Ich übernehme politische Verantwortung, wenn unabhängig von meinem Verhalten in meinem politischen Aufgabengebiet Fehler begangen wurden, die zu dieser Katastrophe geführt haben.

Worauf nach dem Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft sehr vieles hindeutet.

Sauerland Gar nichts deutet darauf hin. Das sind Hypothesen, der Bericht gibt nur einen Ermittlungsstand wieder. Wenn die Staatsanwaltschaft glaubt, da könnte jemand etwas gemacht haben, muss sie ihn recht früh zum Beschuldigten machen, um ihn unter Umständen später anklagen zu können. Dadurch bekommt derjenige einen anderen Rechtsstatus. Ob aus den Beschuldigten jemals Angeklagte werden, weiß niemand. Es kann auch ganz anders kommen.

Sind Sie nach einem Jahr immer noch davon überzeugt, dass im Rathaus keine Fehler gemacht wurden?

Sauerland Ja, bin ich. Das Wissen der Staatsanwaltschaft wächst, das Wissen der Stadtverwaltung wächst. Die Beschuldigten haben Strafverteidiger, die arbeiten. Und dann gibt es irgendwann ein Urteil. Wir haben vier politische Ebenen. Europa, Bund, Land, Kommune. Die politische Verantwortung wird der übernehmen müssen, in dessen Aufgabenbereich die kausalen Fehler gemacht wurden. Wären keine Fehler gemacht worden, gäbe es keine Toten. Ich stehe dazu: Entscheidet das Gericht, da ist eine Genehmigung, die falsch war und dazu geführt hat, dann übernehme ich die politische Verantwortung und trete zurück oder lasse mich abwählen, je nachdem, was die Gesetzeslage verlangt.

Zur Zeit sammeln Bürger Unterschriften, um ein Abwahlverfahren gegen Sie einzuleiten. Wenn es Erfolg hat, werden Sie keine Gelegenheit mehr haben, politische Verantwortung zu übernehmen.

Sauerland Das ist Demokratie. Man kann wiedergewählt werden, man kann nicht wiedergewählt werden, und man kann abgewählt werden. Das ist in einer Demokratie üblich. Es ist vielleicht nicht so üblich, dass mit Hinweis auf den Koalitionsvertrag nach einer Katastrophe eigens Gesetze geändert werden, um eine Abwahl zu ermöglichen.

Haben Sie mal überlegt, wie es gewesen wäre, wenn Sie gleich nach der Katastrophe zurückgetreten wären? Nicht als Schuldeingeständnis, sondern aus moralischer Verantwortung?

Sauerland Natürlich habe ich mir Fragen gestellt. Es gab in den Wochen nach der Loveparade Situationen, wo ich gesagt habe: Da schlafe ich noch mal drüber. Ich gehöre aber auch zu den Menschen, die sagen: Das Letzte, was du verlieren darfst, ist die Selbstachtung. Ich habe mit der Zeit bei dem einen oder anderen das Gefühl, als würde man meinen, jemanden so als Abtreter benutzen zu können, gehöre zu einer demokratischen Auseinandersetzung. Wenn Sie sich in so einer Situation zurückziehen, sind Sie der Abtreter für den Rest Ihres Lebens.

Aber bleiben Sie so nicht das Gesicht der Katastrophe?

Sauerland Für einige mag das so sein. Aber stellen Sie sich vor, ich gehe: Da sind elf Kollegen im Fokus, und der Oberbürgermeister tritt ab. Das ist weder moralische noch politische Verantwortung. Ich fühle mit den Kollegen. Ich weiß nicht, wie es ist, Beschuldigter zu sein, aber ich weiß, wie es ist, beschuldigt zu werden, und zwar massiv und öffentlich. Da geht man nicht einfach, das stehe ich durch. Der Oberbürgermeister wird nicht kneifen, und er wird sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Der macht seine Arbeit weiter!

Können Sie Ihr Amt unter den aktuellen Umständen wirklich noch ausüben?

Sauerland Natürlich, jeden Tag, das sehen Sie doch! Es ist nicht so, dass die Verwaltung nicht arbeitet, selbst in der schlimmsten Zeit nach der Katastrophe hat die Verwaltung weitergearbeitet. Es gibt keine Stagnation in dieser Stadt, es geht hier weiter stärker voran als in vielen anderen Städten des Ruhrgebiets. Die Verwaltung ist nicht handlungsunfähig, und ich bin es auch nicht.

Aber Sie akzeptieren als oberster Repräsentant Duisburgs, in Ihrer eigenen Stadt zu Plätzen und Veranstaltungen nicht mehr gehen zu können, weil es einen Teil der Anwesenden stört.

Sauerland Falsch, nicht wegen eines Teils der Anwesenden, sondern wegen der Angehörigen der Opfer, und vor denen habe ich höchsten Respekt. Es gibt Duisburger, die möchten, dass ich da hingehe. Ich weiß aber aus meinen Gesprächen mit einem Teil der Angehörigen, dass es noch nicht die Zeit ist, dass man mit allen sprechen kann. Daher werde ich auch an der Trauerfeier im Stadion nicht teilnehmen.

Was werden Sie am 24. Juli machen?

Sauerland Ich werde mit Freunden zusammen in Duisburg sein und am Samstag und Sonntag die Messe besuchen.

Jörg Isringhaus und Ulli Tückmantel führten das Gespräch.

(RP)