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Duisburg: Der neue Roman ist ein großer Wurf

Duisburg : Der neue Roman ist ein großer Wurf

Renate Habets, bis 2006 stellvertretende Schulleiterin am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium, veröffentlichte jetzt mit "Die rote Lene" ihren vierten Roman, bei dem es auch um Heimatgefühle geht, ohne ins Heimelige zu verfallen.

36 Jahre lang war Renate Habets Lehrerin. Den Beruf, sagt sie, habe sie stets gerne ausgeübt. Zuletzt war sie stellvertretende Schulleiterin am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Marxloh. Mit 61 Jahren ließ sie sich 2006 pensionieren. Ein Jahr darauf veröffentlichte sie ihren ersten Roman mit dem Titel "Ich will Erzbischof werden". Wir haben Renate Habets nicht gefragt, ob sie Tagebuch schreibt. Wenn sie es täte, dann hätte sie um ihr Pensionierungsdatum herum vermutlich den Satz geschrieben: "Ich will Schriftstellerin werden!" Wie dem auch sei, Renate Habets ist heute eine Schriftstellerin. — "Die rote Lene" heißt Renate Habets neuer Roman. Und er ist ein großer Wurf! Erzählt wird die Lebensgeschichte von Magdalena, die 1889 in eine Bauernfamilie im Westerwald geboren wird. Lene hat es weder in der Familie noch in der Dorfgemeinschaft leicht. Weil sie rote Haare hat und dazu noch an einem vermeintlichen Unglückstag geboren wurde, wird sie von vornherein in eine Außenseiterposition gedrängt.

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Renate Habets erzählt das alles sehr plastisch und mit viel Lokalkolorit. Und nicht zuletzt mit wunderschön eingeflochtenen Dialektpassagen, die mehr von der Geisteshaltung der Menschen verraten als seitenlange Analysen. "Et ess doch nur wirrer en Mädchen", sagt der Großvater bei der Geburt Lenes. Er wiederholt den Satz. "Und alle haben gewusst, was er von mir hielt", lässt Renate Habets ihre Lene im Roman sagen.

Und der Leser weiß es auch.

Renate Habets stammt wie ihre Romanfigur aus dem Westerwald, doch ist die Lebensgeschichte Lenes erfunden. Erzählt wird aber vor dem realistischen Hintergrund der Zeitgeschichte. Die Jahre vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, die Nazizeit und die 50er Jahre fließen in das Buch ein, ohne dass die Romanfiguren zur bloßen Staffage eines verkappten historischen Werkes werden. Renate Habets legt ihren Schwerpunkt auf die psychologische Durchdringung ihrer Romanmenschen. Und das gelingt hervorragend mit einer durchaus experimentierfreudigen Buchkonzeption: Der Roman ist mosaikartig komponiert. Die einzelnen Kapitel geben jeweils die Sichtweisen von Lene und jenen Menschen wieder, die Lenes Geschichte auf unterschiedliche Weise begleiten. Da ist beispielsweise Klaas, ein Schulfreund Lenes, der katholischer Geistlicher wird und aus dieser Position einerseits ganz nah mit Lenes Seelenleben vertraut ist, andererseits stets zölibatäre Distanz hält. Renate Habets fängt auch die fröstelnd machende Perspektive des älteren herrschsüchtigen Bruders ein, der seine Schwester nach deren Flucht aus dem Dorf für tot erklärt.

Angelpunkt des Romans ist Lenes Wegzug aus dem Westerwald-Dorf. Sie heiratet einen Fabrikantensohn und zieht zu ihm nach Köln. Doch ist dies keineswegs das glückliche Ende eines seichten Entwicklungsromans, vielmehr spitzt sich in der Kölner Zeit das Geschehen zu. Lene wird gewissermaßen zur Trophäe ihres Mannes, der sie zu einer schönen Frau macht, die die neuste Mode trägt. Lene wird zum Objekt des Stolzes ihres Mannes, dessen dünkelhafte Mutter die junge Frau aus dem Westerwald seelisch absorbiert. Renate Habets versteht es, mit Lenes Geschichte, die perspektivreich erzählt wird, die Leser von Beginn an zu fesseln. Lenes Abdriften und ihr Widerstand sorgen dabei für eine innere Spannung, die trägt.

Dem Roman ist ein Zitat von Georg Baron von Örtzen vorangestellt, das man am Ende der Lektüre nochmals lesen sollte: "Wir sichern uns die Heimat nicht durch den Ort, wo, sondern durch die Art, wie wir leben."

(RP)