Das Duisburger Heinebein alias Theodor Scheulen

Duisburger Geschichten und Geschichte : Die Zeit der Originale ist vorbei

Während Köln seine Originale im Karneval pflegt, droht die Erinnerung an den Duisburger Heinebein zu verblassen.

Die RP-Leserin Ursula Metzger stellte der Redaktion eine kleine Broschüre mit Geschichten über das Duisburger Original Heinebein (1841-1914) zur Verfügung. Sie fand das Heft beim Aufräumen des elterlichen Hauses. Bei Älteren ist zumindest der Name noch lebendig, bei den Jüngeren erntet man eher ein Schulterzucken: „Heinebein, nie gehört“. Da drängt sich doch die Frage auf, ob die Zeit der Originale der Vergangenheit angehören oder ob sie überhaupt noch eine Bedeutung im Alltag der Duisburger haben.

In der besagten Broschüre wird berichtet, dass sein Vater, Heinrich Scheulen, im 19. Jahrhundert als Spaßmacher und Allerweltskünstler über die niederrheinischen Kirmessen zog. Seine Hauptattraktion war ein drachenähnliches Monster mit sieben Beinen, das über eine komplizierte Maschinerie bedient wurde. Der alte Scheulen wurde daher im Volksmund „Heinebein“ genannt.

Diesen Spitznamen erbte sein Sohn Theodor. Heinebein, alias Theodor Scheulen, war einst über die Duisburger Stadtgrenzen bekannt und zeichnete sich nicht nur durch sein musikalisches Talent aus. Aber sein Profil lässt sich nicht auf das eines Straßenmusikers, der mit der Ziehharmonika durch die alten Straßen und Gassen zieht, reduzieren. Der Autor Peter Schilke beschreibt ihn als „Pfiffikus, ein Schalk im besten Sinne des Wortes, immer zu Eulenspiegeleien aufgelegt“. Seine Streiche, oft am Rande der Legalität, treffen meist unliebsame oder geizige Mitbürger. Heinebein entlarvt Milchpanscher, befreit Ruhrort vor dem Choleragespenst, treibt den Versteigerungspreis gefärbter Hähne in die Höhe, vermischt „Osterbier“ mit Badewasser oder erteilt dumpfbackigen Freiern und Sonntagsjägern eine Lektion. Ein anderes Mal spielt er den Scheintoten, der als Wiedergänger auftaucht und sich feiern lässt. Eher unsympathische Zeitgenossen werden durch Heinebeins Streiche zum Gaudi des Publikums vorgeführt. Der Leser freut sich über die Bloßstellung von Betrügern, Geizkragen und Wichtigtuern.

Heinebein hatte in Duisburg eine Menge „Follower“ – wie man heute sagen würde. Dazu gehörten auch einflussreiche Freunde wie Karl Lehr, Duisburger Oberbürgermeister von 1879 bis 1919. Er stellte Heinebein seinen abgetragenen Gehrock, Schuhwerk und sogar einen Zylinder zur Verfügung. An Festtagen wie der damals beliebten Sedanfeier trug Heinebein den Zylinder und schmetterte auf Plätzen und Straßen seine Lieder. Das füllte die Kasse und sicherte seinen Lebensunterhalt.

Die Streiche lösen heute beim Lesen ein Schmunzeln aus, aber sie erlauben aus heutiger Sicht eine Reflektion über die damalige Zeit. Eine Zeit des Umbruchs. Heinebein erlebte, wie ein beschauliches Duisburg sich zu einer dynamischen Industriestadt entwickelte. Im Jahr 1850 betrug die Bevölkerung Duisburgs knapp 12.000, bis 1905 stieg sie auf über 110.000 und erreichte 1905 durch die Vereinigung mit Ruhrort und Meiderich 183.000. Die Arbeitswelt wandelte sich und mit ihr die Menschen und das soziale Gefüge Duisburgs. Mit dem Aufbruch in die Moderne wurde das Ende der Originale eingeläutet. Heinebein starb 1914. Danach künden Fotografie, Kinofilme, Schallplatte und Radio rasante Veränderungen an.

Duisburger Originale verschwanden allmählich von der Bildfläche. Sie wurden zunehmend aus dem Alltag verbannt und von den Medien kommerzialisiert. Die Kehrseite des medialen Fortschritts ist die Sehnsucht nach einem Duisburg, in dem die Menschen sich kennen, einander freundlich grüßen, das Leben mit Humor nehmen und ihre Eigenarten behalten. Das ist viel mehr als eine Erinnerung an vergangene Zeiten.

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