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Corona in Duisburg: Wegen Reiserückkehrern Chaos vor Testzentrum

Tests von Urlaubsrückkehrern in Duisburg : „Ist das eine Scheiße hier“

Vor einem Theater in Duisburg warten Urlaubsrückkehrer jeden Tag stundenlang auf einen Corona-Test. Manche kippen in der prallen Sonne fast um, andere drohen mit Gewalt, der Arzt schiebt Extra-Schichten. Ein Besuch an der längsten Schlange der Stadt.

Schatten gibt es vor dem Theater am Marientor kaum, also haben Celine und ihr Mann zwei Regenschirme mitgebracht. Fast eine Stunde brauchen sie, um sich in der Schlange ein paar Zentimeter nach vorne zu arbeiten. Etwas weiter, kurz vor dem Eingang, verteilt eine Frau Wasserflaschen, die Menschen sitzen auf weißen Plastikstühlen, manche stehen schon seit dem frühen Morgen an. Kurz nach 12 Uhr liegt die Temperatur bei 27 Grad Celsius. Die Sonne knallt, wo sonst Theatergäste warten, fährt nun eine Mutter ihr Baby im Kinderwagen im Kreis. „Völlig kompliziert ist das hier alles“, sagt Celine. „Warum machen die nicht einen Drive-In auf, so wie bei McDonalds?“

Das Paar kommt gerade aus Katalonien, einige Tage Urlaub mit den Kindern an der Küste, ein bisschen Pandemie-Flucht. Aber Katalonien, das ist jetzt auch Risikogebiet. Am Dienstag stehen die Beiden vor einem umgebauten Theater, dem TaM. Die Stadt hat hier ein Testzentrum eingerichtet, das einzige in ganz Duisburg. Gesundheitsamt und Feuerwehr organisieren drinnen zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) die Corona-Tests für Urlaubsrückkehrer und alle, die irgendwo ein negatives Ergebnis vorlegen müssen. In dieser Woche will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Corona-Testpflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten beschließen.

Dann, so schätzt es ein Mitarbeiter vor Ort, werden hier noch viel mehr Leute auftauchen. „Wir brauchen dringend mehr Personal, um den Ansturm zu bewältigen.“ Auf Anfrage teilt die Stadt mit, man beobachte die Situation genau. „Wartezeiten, wie sie heute an der Teststraße der Kassenärztlichen Vereinigung aufgetreten sind, sind für die Bürger nicht zumutbar. Wir werden deshalb zunächst als Sofortunterstützung so schnell wie möglich die Testkapazitäten erweitern“, sagt ein Sprecher. Krisenstabsleiter Paul Bischof betont: „Die Kassenärztliche Vereinigung kommt ihrer Verpflichtung, die Reiserückkehrer zu testen, nicht im erforderlichen Umfang nach. Wir werden deshalb kurzfristig Hilfestellung leisten.“

Die KVNO verweist auf die überraschende Neuregelung der Bundesregierung und kündigt Gespräche mit der Stadt an. „Wir werden schauen, wo wir die Kapazitäten erweitern können“, sagt ein Sprecher. Bislang gibt es am TaM zwei sogenannte Teststraßen. Dort werden die Personen registriert und müssen eine Überweisung ihres Hausarztes vorzeigen. Im Theatergebäude gibt es nur einen Arzt und zwei Helferinnen, die die Tests durchführen. Meist müssen die Mediziner Überstunden machen. Eigentlich soll das Testzentrum um 16 Uhr schließen, manchmal werden aber noch um 19 Uhr Abstriche gemacht. „Der bürokratische Aufwand hier ist enorm“, sagt ein Mitarbeiter des Testzentrums. „Ich kann den Unmut der Leute verstehen. Ich wäre auch sauer, wenn ich hier warten müsste.“

Ulrich Ortwein (53) aus Homberg braucht nach einem Schlaganfall eine Bescheinigung über einen negativen Corona-Test zum Antritt einer Kur. Foto: Christoph Reichwein (crei)

Rund 80 Personen stehen am Mittwochmittag in der Schlange. Um 15 Uhr kündigt die Stadt an, die Teststraße der KVNO vorerst zu schließen – die Kapazitäten sind völlig ausgelastet. Nur noch von den bereits Wartenden wird ein Abstrich gemacht. Ein älterer Mann, offenes Hemd, zurückgegelte Haare, kommt am Ausgang des TaM raus. „Ist das eine Scheiße hier“, sagt er. Eine Woche habe er Verwandte in Süditalien besucht, nun musste er mehr als zwei Stunden für einen Corona-Test anstehen. „Alles nur für einen Abstrich, der ein paar Sekunden dauert“.

Die Stimmung ist angespannt. Immer wieder laufen Menschen nach vorne, beschweren sich. „Warum geht’s denn hier nicht weiter?“, brüllt einer. Ein Mitarbeiter des Testzentrums versucht, ihn zu beruhigen. Der Computer sei abgestürzt, es dauere jetzt eben alles etwas länger. Der Mann, offenbar verständnislos, verschwindet wieder. „Das ist noch harmlos. Man hat mir hier auch schon Prügel angedroht“, sagt der Mitarbeiter. Die Stadt hat mittlerweile eine Security-Firma beauftragt. Zwei Wachleute stehen nun auf dem Gelände. „Ist auch zur Abschreckung da“, sagt der Mitarbeiter.

Am Nachmittag hat die Stadt entschieden, eine Teststraße vorerst zu schließen. Der Andrang, vor allem von Reiserückkehrern, war zu groß. Foto: Christoph Reichwein (crei)

Manchmal werden auch Leute vorgelassen, zum Beispiel Alte und Kranke. „Gestern stand eine 91-Jährige hier, die wäre in der Sonne fast umgekippt“, sagt er. „Wir haben sie dann direkt dran genommen. Und selbst da haben noch Leute gemeckert.“ Ulrich Ortwein wurde nicht vorgelassen. Der 53-Jährige erlitt einen Schlaganfall und muss nun in eine Kur-Klinik. Dafür braucht er aber erstmal ein negatives Test-Ergebnis. „Ich stand jetzt fast vier Stunden hier für einen Abstrich, das ist schon krass“, sagt er.

Und Celine und ihr Mann? Waren erst um 17 Uhr wieder zu Hause. Auch sie mussten vier Stunden warten. „Ich bin absolut unzufrieden“, sagt Celine. „Die Leute sind echt nett gewesen, aber die Organisation war eine einzige Katastrophe.“ Das Test-Ergebnis erwarten die beiden am Mittwoch. Besorgt ist das Paar aber nicht. „Ich glaube nicht, dass wir infiziert sind. Wir haben auch keine Symptome. Das war ja schließlich kein Partyurlaub.“