1. NRW
  2. Städte
  3. Duisburg

Corona in Duisburg: Lehrer berichten anonym über neuen Alltag an Schulen

Duisburger Lehrer berichten : „Wir wurden über Nacht von der Kreide- in die digitale Zeit verfrachtet“

Schüler tippen ihre Aufgaben nachts um drei Uhr auf dem Handy. Lehrer tragen Beamer von einem Raum zum andern. Und die Eltern? Haben Angst, auf dem Geld für abgesagte Klassenfahrten sitzenzubleiben. Fünf Lehrer erzählen vom neuen Alltag an Duisburger Schulen.

Das Lernen und Lehren hat sich in der Corona-Krise in kürzester Zeit verändert. Nachdem die Schüler über Wochen Zuhause Aufgaben übten und mit ihren Lehrern bloß Mails schrieben, sind die Schulen nun für die meisten Kinder wieder geöffnet, wenn auch nicht immer für alle regelmäßig. Im Klassenraum warten Hygiene-Regeln und so manche Probleme. Doch es gibt auch Hoffnung – darauf, dass die Pandemie am Ende das digitale Lernen voranbringt. Die Namen der folgenden Lehrerinnen und Lehrer von Duisburger Schulen sind der Redaktion bekannt. Wir schützen jedoch ihre Identität, weil sie um Anonymität gebeten haben, um sich freier äußern zu können.

„Gerade beim Spielen werden alle Vorschriften vergessen“

„Den Alltag, wie wir ihn an unserer Schule kannten, gibt es nicht mehr. Die Schüler bewegen sich vorsichtig, teilweise ängstlich durch das Schulgebäude. Die Hygienevorschriften können nicht in Gänze eingehalten werden. Wir mussten Prioritäten setzen. Für uns war wichtig, dass der Mindestabstand gewährleistet ist. Für unser Schülerklientel ist es aus häuslicher Sicht aber schwer, die Handhygiene sicherzustellen und auf Abstand zu achten. Daher halten wir die Gruppen sehr klein. Auf eine Hofpause haben wir verzichtet, gerade beim Spielen werden alle Vorschriften vergessen.

Das Hygienekonzept der Schule ist komplett veraltet und ist auch außerhalb der Corona-Maßnahmen nicht immer zufriedenstellend. Außer Frage steht, dass der Schutz und die Sicherheit der uns anvertrauten Kinder vorgeht. Daher kann keine der Maßnahmen übertrieben sein, wenn sie der Sicherheit und dem Schutz der Kinder dienen. Wir haben Kinder zu beschulen, die aus prekären Wohnverhältnissen stammen und vor Schulbeginn nichts oder kaum etwas über Hygienemaßnahmen von den Eltern gehört haben.

Das größte Problem beim Lernen auf Distanz ist, die mangelnde Digitalisierung. In den Familien fehlt es an Geräten und Know-How, sich mit Plattformen wie „IServ“ oder „Logineo“ auseinanderzusetzen. Videokonferenzen und Telefonate sorgten dafür, immer nah am Schüler zu sein. Trotzdem ist es uns nicht immer gelungen, alle Schüler zu erreichen. Fast alle haben gut auf die Aufgaben im Home-Schooling reagiert und sehr fleißig gearbeitet.

Eltern waren gerade zu Beginn der schrittweisen Wiederöffnung der Schulen sehr unsicher. Sie hatten viele Fragen zur Umsetzung der Hygienevorschriften, der Entscheidung, ein Kind als Risikogruppe zu Hause zu belassen oder Fragen zur Leistungsbewertung. Besonders schwierig war, dass wir als Schule oft auch noch keine Informationen hatten. Das größte Problem war die schlechte Informationspolitik der Regierung. Dieses führte bei Lehrern und Eltern zu massiven Unsicherheiten. Eltern konnten Nachrichten oft nicht richtig einsortieren und deuteten Informationen aus der Presse falsch. Ich denke, dass es wichtig ist, Planungssicherheit bis zu den Sommerferien zu schaffen.“ Lehrerin an einer Grundschule

„Wir wurden über Nacht von der Kreide- in die digitale Zeit verfrachtet“

„Zermürbend ist die Unsicherheit, wann das Ministerium wie kurzfristig uns wieder vor neue Erlasse stellt. Der Unterricht mit kleinen Lerngruppen hat zur Folge, dass Disziplin auf einmal überhaupt kein Thema mehr ist. Allerdings fallen Partneraufgaben weg, sodass wir auf Frontalunterricht und Stillarbeit angewiesen sind. Das macht den Unterricht langweiliger. Hinzu kommt, dass man in vielen Lerngruppen Vertretungsunterricht hat (für Kollegen von Risikogruppen). Man sieht die Kinder nur einmal pro Woche und das hinter Masken. Es ist ganz schwierig, so Beziehungen aufzubauen. Positiv ist, das der Redeanteil der Schüler nun höher ist.

Sobald die Kinder sich unbeaufsichtigt fühlen, sind Masken und Distanz hinfällig. Zurzeit machen wir keine Hofpausen. Es ist kaum vorstellbar, das mit 700 Kindern und vier Aufsichten unter Einhaltung der Hygiene-Vorschriften hinzubekommen. Die Maßnahmen der Landesregierung sind zu kurzfristig und nicht präzise genug. Hier ist schon viel Manpower im Kollegium verschwendet worden für Sachen, die hinterher doch ganz anders kamen. Auch für Ärger sorgt, dass die Landesregierung noch nicht gesagt hat, was mit den Klassenfahrten nach den Sommerferien geschieht. Wir wollten im September an den Gardasee, können aber noch nicht stornieren, weil wir momentan auf den Stornokosten sitzen blieben.

Den Schülern fehlt die soziale Gruppe, ihre Freunde. Der Wert des direkten Austauschs mit dem Lehrer oder auch mit Klassenkameraden, wenn man den Stoff nicht auf Anhieb versteht, wurde ihnen nun bewusst. Und Lernen im Unterricht macht ja oft auch Spaß, man kann gemeinsam lachen. Das funktioniert online nicht. Sie haben sich offen zu ihrer Faulheit bekannt und zugegeben, dass sie ihren Eltern oft gesagt hätten, dass sie ihre Aufgaben erledigt hätten, ohne dass das der Fall war. Ihr Rhythmus hat sich total verschoben, oft wurden uns Lehrern die Aufgaben nachts um drei geschickt. Videokonferenzen wurden eher negativ bewertet, da sie oft unruhig waren oder es einfach zu viele technische Probleme gab. Wir wurden quasi über Nacht von der Kreide- in die digitale Zeit verfrachtet. Leider fehlt in Duisburger Schulen die Ausstattung dafür. Ich schleppe im Präsenzunterricht einen Beamer von Raum zu Raum.“ Lehrerin in der Sekundarstufe I

„Manche Eltern waren so verängstigt, dass sie sich im Ausland aufhielten“

„Einige Mütter haben Masken für die Schüler genäht. Die Schule hat Handschuhe, FFP2- und Einmalmasken sowie Desinfektionsmittel für die Lehrer selbst gekauft. Darüber hinaus wurde in Klebeband, Sprühfarbe und Flatterband investiert, um Abstandsmarkierungen, Einbahnstraßensysteme, Aufstellplätze und Wartebereiche zu markieren.

 Am Eingang vieler Schulen gibt es deutliche Hinweise auf Maskenpflicht und Regeln zum Abstand voneinander.
Am Eingang vieler Schulen gibt es deutliche Hinweise auf Maskenpflicht und Regeln zum Abstand voneinander. Foto: Christoph Reichwein (crei)

In den Klassen 3 und 4 gelingt es den Kindern, sich an die Hygiene- und Abstandsregeln zu halten. Doch auch Ihnen ist anzumerken, dass der „normale“ Grundschulalltag fehlt. In den Klasse 1 und 2 ist das Einhalten der Abstände schon wesentlich schwieriger. Die Kinder sind es gewohnt, nah beieinander zu sitzen (Doppeltische, Stuhlkreis, Gruppenarbeit), in den Pausen gemeinsam zu toben und auch physischen Kontakt zu den Lehrkräften aufzunehmen.

Die fleißigen Schüler, die immer ihre Aufgaben erledigen und bei denen der regelmäßige Austausch mit dem Elternhaus stattfindet, sind auch während des Ruhens des Unterrichts im „Homeschooling“ aktiv, nehmen am Online-Unterricht teil und reichen Wochenpläne ein. Die Schüler, bei denen es zuvor schon schwierig war, weil die Eltern nicht erreichbar waren, das Material fehlte oder verschwand, die keine digitalen Endgeräte besitzen und deren Eltern nicht in der Lage sind, sie bei ihren Aufgaben zu unterstützen, sind nun auch die Kinder, die besonders unter der Situation leiden.

Es war für viele Familien nicht begreiflich, warum die Schulen Ihnen nicht sagen konnten, wie es weiter geht. Dazu kamen die Ängste um eigene Erkrankungen und Familienangehörige. Die Situation war und ist für alle eine sehr belastende. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten haben alle Eltern versucht, das Bestmögliche für Ihre Kinder zu tun. Manche Familien waren aber auch so verängstigt, dass sie sich zeitweise im Ausland (in ihren Heimatländern) aufhielten und aufhalten. Insgesamt ist die Elternschaft sehr verständnisvoll und sorgt sich auch um die Lehrer.

Elterngespräche sind mit Mundschutz und auf Abstand deutlich schwieriger, da die Mimik und insbesondere die Wahrnehmung dieser erheblich eingeschränkt sind. In Schulen in Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf spielt diese bei Verständnisschwierigkeiten (trotz Dolmetscher) aber eine große Rolle.“ Lehrerin an einer Grundschule

„Viele Schüler haben Zuhause keinen eigenen Arbeitsplatz“

„Seit Beginn der Abiturprüfungen und der Abschlussarbeiten in der Klasse 10 liegt der Schwerpunkt auf diesen Prüfungen. Hierdurch werden die sorgfältig ausgearbeiteten Unterrichtspläne stellenweise wieder außer Kraft gesetzt um Räume und Personal für die Prüfungen zur Verfügung zu haben. Die meisten Kolleg*innen zeigen eine hohe Bereitschaft an jeder Form des Unterrichts mitzuarbeiten. Auch Kolleg*innen, die bisher als Risiko-Gruppe vom Präsenz-Unterricht ausgeschlossen waren, waren (und sind) sehr motiviert sich einzubringen, und haben zum Teil ein schlechtes Gewissen zu sehen, wie die anderen Kolleg*innen eingespannt werden.

Die Schule ist tatsächlich gut aufgestellt, um die Hygieneregeln einzuhalten. (Fast) jeder Klassenraum verfügt über Waschbecken, Seife und Desinfektionsmittel. Leider sind aufgrund der baulichen Gegebenheiten nicht alle Räume gleichmäßig gut zu lüften. Bei Gruppengrößen bis zu 15 Schüler*innen ist es möglich diese im Raum zu verteilen, so dass der Abstand gewahrt bleibt.

 Auf den Sitzplätzen kleben Namensschilder.
Auf den Sitzplätzen kleben Namensschilder. Foto: Christoph Reichwein (crei)

Ich kritisiere die Kommunikation der Landesregierung. Wenn die Schulministerin an einem Tag das eine sagt und der Ministerpräsident anschließend zurückrudert, nur damit dann später genau das passiert, was in der ersten Meldung angesagt wurde, dann fühlt man sich nicht ernst genommen.

Das Arbeiten für die Schüler zu Hause ist manchmal schwierig. Nahezu jede*r verfügt über ein Smartphone. Aber versuchen Sie einmal darauf Texte zu lesen, die auf DIN A4 formatiert sind. Es zeigt sich, dass in dieser Situation die soziale Schere, die im Bildungswesen sowieso besteht, noch weiter aufgeht. Viele Schüler beklagen, dass sie Zuhause keinen eigenen Arbeitsplatz haben, dass um den Esstisch, an dem sie arbeiten wollten, kleinere Geschwister herumliefen oder, dass sie zur Aufsicht auf die Geschwister eingespannt wurden.

In einer Reihe von Telefonaten mit Eltern stellte sich heraus, dass viele Fragen hatten. Wann fängt der Unterricht wieder an?. Wie erfährt mein Kind, welchen Abschluss es bekommen wird. Wird es eine Abschlussfeier geben? Aufgrund des Informationsdurcheinanders seitens der Regierung konnte ich hier nicht immer eindeutige Auskünfte geben.“ Lehrer an einer Gesamtschule

„Lehrer aus Risikogruppen wurden in den Präsenzunterricht genötigt“

„Die letzten Monate waren für uns alle sehr anstrengend und zeitintensiv. Wir standen ständig unter Strom und fühlten uns wie bei einer wochenlang andauernden Rufbereitschaft.  Die umgehend eingerichteten Notbetreuungen wurden von allen Lehrkräften geleistet, obwohl ihr eigener Schutz nicht ausreichend gewährleistet war. Die sonst genau und gerecht geregelten Stundenverteilungen und Einsatzweisen waren neu zu denken. Wie wird digitaler Unterricht zeitlich bewertet? Wie wird der Einsatz in der Notbetreuung zeitlich gewertet?

Problematisch war, dass die Lehrer sich in kürzester Zeit auf das digitale Lernen umstellen mussten. Wir besitzen keine Dienst-Laptops und mussten uns sowohl selbstständig fortbilden als auch für die Kosten aufkommen. Ein ähnliches Problem haben auch die Schüler. Viele haben keinen Laptop oder PC zu Hause. Kinder teilen sich mit mehreren Personen ein Handy, um Aufgaben zu bearbeiten oder mit den Lehrern zu sprechen. Teilweise haben Familien kein Wlan zu Hause und Lehrer konnten nur versuchen, Kinder spät am Abend oder am Wochenende telefonisch zu erreichen und ihnen per Post Material zu schicken.

Unsere Arbeitszeit dehnt sich extrem aus, da wir Arbeitsblätter vorbereiten, digitale Angebote machen, Kontakt zu Kindern herstellen, ihnen Rückmeldung zu Aufgaben geben, das Schulgebäude auf die Kinder vorbereiten und vieles mehr. Nun wurden Kollegen aus den Risikogruppen drei Wochen vor Schuljahresende doch wieder überraschend in den Präsenzunterricht genötigt. Dies blendet erneut Gefahren aus.

Besonders bitter für die Lehrkräfte der vierten Klassen ist, dass sie ihre Kinder teilweise gar nicht mehr sehen. Es kann kein würdigender Abschluss stattfinden. Hierüber sind auch die Eltern und Kinder sehr niedergeschlagen. Es mussten bereits Abschlussfahrten und Ausflüge abgesagt werden. Die Kinder sind grundsätzlich sehr aufgeregt bezüglich des Schulwechsels. Die Lehrkräfte der neuen ersten Klassen haben noch keine Planungssicherheit. Wichtige Vorbereitungen können nicht getroffen werden. Wie werden die neuen Schulkinder begrüßt und willkommen geheißen? Wieder eine schwere emotionale Situation für Kinder, Eltern und Lehrkräfte.“ Lehrerin an einer Grundschule