Duisburg: Cassandra (12) ist blind - und eine begnadete Vorleserin

Duisburg : Cassandra (12) ist blind - und eine begnadete Vorleserin

Die 12-jährige Cassandra Spittmann liest gern und viel. Eigentlich nicht ungewöhnlich. Doch Cassandra ist von Geburt an blind. Das hat sie aber nicht davon abgehalten, am Vorlesewettbewerb des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels teilnzunehmen. Mit Erfolg: Cassandra schaffte es bis in den NRW-Landesentscheid.

Beim NRW-Landesentscheid des Vorlesewettbewerbs des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der am Montag in Brühl stattfand, verpasste Cassandra den Sprung aufs Siegertreppchen nur ganz knapp. Grund zum Jubeln hatte die Duisburgerin, die die sechste Klasse des Steinbart-Gymnasiums besucht, aber trotzdem: Die Jury war so begeistert von ihr, dass sie am Ende des Tages nicht nur Gutscheine für neuen Lesestoff, sondern außerdem eine Einladung zum Literaturmarathon bei der "Lit. Cologne" im März 2015 mit nach Hause nehmen konnte.

Der Literaturmarathon wird jedes Jahr zeitgleich mit dem Literaturfestival Lit. Cologne vom Radiosender WDR 5 veranstaltet. 24 Stunden lang lesen Prominente oder bekannte Autoren hier Bücher live im Radio. 2014 waren unter anderem die Schauspieler Suzanne von Borsody und Rolf Becker, aber auch die Komikerin Carolin Kebekus und der Autor Frank Schätzing dabei. Im nächsten Jahr wird auch Cassandra auf der Liste der Vorleser stehen.

Cassandras Bücher sind in Brailleschrift verfasst

Ein riesiger Erfolg für das Mädchen - so oder so. Doch dass Cassandra so eine begnadete Vorleserin ist, ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie blind zur Welt gekommen ist. Die Bücher, die sie liest, sind in der Blindenschrift "Braille" geschrieben, mit deren Hilfe Blinde Wörter mit den Fingern ertasten können. Schon bevor sie in die Grundschule kam, hat Cassandra mit ihrer Mutter Daniela Molder-Spittmann mithilfe der Brailleschrift geübt, erste Wörter und Sätze zu lesen.

Richtig Lesen lernte Cassandra dann in der Grundschule - genau wie alle anderen Kinder in ihrer Klasse auch. Der einzige Unterschied war, dass diese die Buchstaben sehen konnten, während Cassandra spezielle, in Brailleschrift verfasste Bücher las. Sie hat nie eine Sonderschule besucht. Stattdessen haben ihre Eltern darauf geachtet, sie an Schulen anzumelden, an denen Inklusion kein Fremdwort ist.

40 Bücher in einem Sommer

Und wenn es ums Vorlesen geht, ist Cassandra vielen ihrer Mitschüler sowieso weit voraus. "Ich glaube, dass sich für sie durch die Bücher eine ganz neue Welt eröffnet hat", erzählt ihre Mutter. "Sobald sie richtig lesen konnte, hat sie ein Buch nach dem anderen 'verschlungen' - einmal waren es 40 Stück in einem Sommer." Mittlerweile gibt es sogar E-Books, die über den E-Book-Reader in Blindenschrift ausgespielt werden. "Doch Cassandra liest auch Kochbücher, wenn gerade nichts anderes zur Hand ist", sagt Daniela Molder-Spittmann und lacht.

Kein Wunder also, dass der Vorlesewettbewerb des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels eine willkommene Herausforderung für Cassandra war. Er wird seit 1959 jedes Jahr in Zusammenarbeit mit Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen und sonstigen kulturellen Einrichtungen veranstaltet und steht unter er Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Weil Cassandra aus dem Klassen-, Schul-, Stadt- und Bezirksentscheid jeweils als beste Vorleserin hervorgegangen war, durfte sie schließlich zum Landesentscheid nach Brühl fahren. Dort las Cassandra nicht nur aus einem Buch vor, das sie selbst mitgebracht hatte, sondern auch eine ihr unbekannte Passage aus "Das verkaufte Glück" von Manfred Mai.

Am Ende reichte es nicht ganz für den ersten Platz. Aber enttäuscht dürfte die 12-Jährige trotzdem nicht sein: Im Frühjahr 2015 werden Millionen von Menschen ihre Stimme im Radio hören, wenn sie beim Literaturmarathon bei WDR 5 vorliest.

(lsa)