Duisburg: Cash-Sound hinter Gittern

Duisburg: Cash-Sound hinter Gittern

Die Weseler Gruppe Johnny Cash Experience wandert weiter auf Cash´s Spuren. Der Weg führte sie nun dahin, wo schon Johnny Cash seine wohl legendärsten Konzerte spielte: ins Gefängnis. Ein Erlebnis für Gefangene und Musiker.

"Johnny, ich will ein Kind von Dir", hallte es über den Innenhof der JVA-Duisburg-Mitte. Das mag befremdlich klingen, zumal es sich hier um einen reinen Männerknast handelt, aber es zeigt vor allem eins: Die Begeisterung, mit der der keineswegs alltägliche Besuch im Gefängnis empfangen wurde.

Im Kellerflur des Haupttraktes sorgten die Weseler bei rund 70 Häftlingen für eine willkommene Abwechslung. Foto: Isabell Hülser

Denn dort wo sonst trister Knast-Alltag mit nur einer Stunde Freigang außerhalb der Zelle herrscht, war am Mittwoch die Location für ein ganz besonderes Konzert. Die Weseler Gruppe Johnny Cash Experience gab, ganz in guter Cash-Tradition eines von zwei Gefängniskonzerten.

"Ein ganz besonderes Gefühl", wie Frontmann Joe Sander feststellte. Denn auch wenn sie bei keinem ihrer Konzerte wissen, was die Gäste im Publikum auf dem Kerbholz haben: Die Männer, vor denen sie am Mittwoch auf die Bühne traten, sind zwar vor dem Gesetz noch unschuldig (in der JVA Duisburg-Mitte sitzen alle in Untersuchungshaft), trotzdem sind sie nicht ohne Grund hier. "Vom Kleinkriminellen bis zum Mordverdächtigen haben wir alles hier", erklärte Justizvollzugsamtsinspektor Martin A., der seit 32 Jahren ("mehr als lebenslänglich") in der JVA arbeitet. Besonders ihm haben es die Gefangenen zu verdanken, dass in den sonst eher von Tristess beherrschten Knast-Alltag mit einer Konzertveranstaltung Leben einzieht. Rund 15 Jahre ist es her, dass hier das letzte Konzert stattfand.

Für gut 80 Minuten waren sie vergessen, die rund 20 Quadratmeter großen "Suiten", wie Joe Sander die Zellen während des Konzerts augenzwinkernd bezeichnete.

Ausweise und Handys abgeben

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Bevor es jedoch losgehen konnte, stand der Band, die stilecht mit einem amerikanischen Polizeiwagen und in Begleitung von zwei weniger echten "Deputies" vor dem Gefängnis vorfuhren, einige Sicherheitshürden überstehen. Zwei Schleusen mussten passiert werden, dann hieß es: Handys und Ausweise abgeben. Auch wenn man sicher sein konnte, am Ende des Tages als freier Mann die Gefängnismauern hinter sich lassen kann, ein mulmiges Gefühl blieb. "Es ist beklemmend, du siehst überall Gitter", beschreibt Joe Sander, alias Johnny Cash seinen Eindruck.

Während die Band sich nach dem Soundcheck noch einmal in den gut begitterten "Freizeitraum" zurückzog, hörte man draußen das Umschließen schwerer Schlösser. Rund 70 Gefangene wurden aus ihren Zellen gelassen, die Vorfreude auf ein paar Minuten Flucht aus dem tristen Knastleben stand den hauptsächlich jungen Zuhörern ins Gesicht geschrieben.

Und trotzdem, eine gewisse Grundskepsis schlug den fünf Weselern entgegen, als sie die "Bühne" im Kellerflur des Haupttraktes betraten, die zum Schauplatz des Konzertes wurde und durch ihre offenen Flure eine Weite vortäuschte, die man hier vergeblich sucht.

Als musikalischen Eisbrecher gab es, was hätte besser gepasst, den "Folsom prison blues". Bei "Ring of fire" , "Walk the line" und "Cry, cry, cry" sprang der Funke schnell über. Dem ein oder anderen, wie einem älteren Insassen, der extra im passenden Cowboyhut erschienen war, fiel es schließlich schwer auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben– und auch die Füße der Justizvollzugsbeamten, die die Veranstaltung bewachten, wippten mit.

Nach rund 80 Minuten, mehreren Zugaben und Standing Ovations folgte das Unausweichliche: Dumpf fielen die schweren Zellentüren hinter den Häftlingen ins Schloss. "Es war geil", lautete Joe Sanders Fazit. Eins war es mit Sicherheit: Ein unvergessliches Erlebnis für beide Seiten.

(RP)
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