Sprengung in Duisburg: Bums - da fiel der harte Softy um

Sprengung in Duisburg : Bums - da fiel der harte Softy um

Knall und Fall: Die Sprengung des Speichergebäudes am Innenhafen, das als "Mr. Softy-Milchtüte" nicht nur Duisburgern ein Begriff war, läutete am 13. August 1994, 18 Uhr, ein neues Zeitalter für Duisburg ein.

Gerade länger dauernde Prozesse brauchen Symbole. Einschneidende Ereignisse, Momente mit großer öffentlicher Außenwirkung. Sie sind es, an die wir uns noch Jahre später erinnern, weniger die gesellschaftlichen Hintergründe. "Weißt Du noch...?", heißt es dann oftmals. Ein gutes Beispiel dafür ist der 13. August 1994. Wer weiß denn noch, dass es an diesem Wochenende eine Zwischenpräsentation der IBA (Internationalen Bauausstellung) zur Entwicklung des Innenhafens mit zweitägigem Fest gab? Kaum jemand. Wer kann sich noch an die Sprengung der Mr. Softy-Milchtüte erinnern? Viele.

Wie kaum ein anderes Ereignis steht die gewaltige Detonation der Sprengung als Symbol für den Strukturwandel in Duisburg am Beispiel des Innenhafens. Das alte Speichergebäude, das durch seine auffällige Werbeaufschrift für die Milch von der A 40 bestens zu sehen war und die damalige Skyline Duisburgs entscheidend mitprägte, war längst zu einer Art Wahrzeichen geworden. Die Symbolkraft wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass die Duisburger Grünen eine ungewöhnliche Aktion starteten, die stark an die Berliner "Mauerspechte" erinnerte: Im Anschluss an die Sprengung wurden am 13. August "Erinnerungsstücke" von Mr. Softy auf dem Philosophenweg verkauft. Der Erlös kam der Obdachlosenarbeit in Duisburg zugute.

Die Sprengung selbst fand im Rahmen des Innenhafen-Festes statt. Aufgrund des schlechten Wetters kamen an dem Wochenende 13. / 14. August aber "nur" rund 100 000 Besucher in den Innenhafen, der damals noch ein ganz anderes Gesicht als heute hatte und ganz von alten, zum Teil verfallenen Speichergebäuden geprägt war. Deshalb war es für viele auch ein Trip in eine für sie weitgehend unbekannte Gegend. Für viele Duisburger war der Innenhafen damals allenfalls so etwas wie eine Filmkulisse für Schimanski-Ermittlungen.

Das Interesse am großen Knall war trotzdem gewaltig. Schon Stunden vor der Sprengung sicherten sich Tausende die besten Plätze an der Schifferstraße. Mit den Sicherheitsvorkehrungen nahmen es die meisten allerdings nicht so genau. Obwohl der eigentlich vorgeschriebene Sicherheitsabstand ohnehin von 300 auf 150 Meter reduziert worden war, liefen immer wieder Schaulustige in die verbotene Zone. Sprengmeister Walter Werner griff schließlich zum Megafon und ermahnte die Menge noch einmal ausdrücklich, den Abstand einzuhalten. Dann konnte es losgehen.

60 Stangen mit insgesamt neun Kilo des Sprengstoffs Ammongelid, die an den zehn Stützpfeilern im Keller der "Milchtüte" angebracht waren, brachten das Monstrum schließlich zu Fall. Ein langes Hornsignal um 18 Uhr war die letzte Warnung. "Ein dumpfer, wuchtiger Knall, die Erde bebte, und drüben kippte Mr. Softy im Zeitlupentempo auf den Philosophenweg", war anschließend in der Lokalausgabe der Rheinischen Post zu lesen. "Im Sturz zerbrach der Silo sauber in zwei Teile — beim Bau waren die oberen Etagen ohne Bewehrung, also ohne Stahlverbindung, auf den unteren Teil gesetzt worden", hieß es weiter. Der Sprengmeister zollte am Ende den Besuchern noch ein Lob, weil sie sich dann doch "äußerst diszipliniert" verhalten hätten. "Mr. Softy liegt auf der Nase. Der ist super gefallen", sagte Sprengmeister Werner. Nicht ganz so zufrieden waren wohl viele Zuschauer. Denn für viele war die Sprengung wohl wesentlich unspektakulärer, als sie es sich vorgestellt hatten.

Teil zwei des Spektakels fiel dann sogar gänzlich ins Wasser. Unter dem Motto "Das Alte fällt zu Boden , das Neue taucht auf" sollte nach der Sprengung eine große Blechskulptur des Künstlers Horst Hoheisel auf dem Wasser des Innenhafens auftauchen. Doch schon zwei Tage zuvor beim Probelauf war das Kunstobjekt auseinandergebrochen und abgesoffen, so dass diese Aktion letztlich ausfallen musste.

Trotz des etwas holprigen Auftakts war die Sprengung eine Art symbolischer Startschuss einer Erfolgsgeschichte. Mit der Gründung der Innenhafen Duisburg Entwicklungsgesellschaft am 16. Dezember 1993, also vor 20 Jahren, machte der Innenhafen bekanntlich rasante Fortschritte. Nicht zuletzt die Arbeit international renommierter Architekten wie Lord Norman Foster, Herzog & de Meuron, Nicholas Grimshaw oder Dani Karavan machte das einst schmuddelige Hafengebiet zu einem städtebaulich lebendigen Stadtquartier am Wasser. Auch die Lokale sind besonders im Sommer ein Anziehungspunkt, nicht nur für Duisburger.

Schon bei der Sprengung 1994 war übrigens vom Eurogate die Rede. Doch darauf warten wir heute noch.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Mr. Softy und Krupp-Hochofen: Sprengungen in Duisburg

(RP)
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