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Duisburg: Briefe aus der Todeszelle

Duisburg : Briefe aus der Todeszelle

Hans-Joachim Barkenings, Hartmut und Okko Herlyn lasen in der Gedenkkapelle an der Junkerstraße die letzten Briefe, die der Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten, Graf Helmuth James von Moltke, an seine Frau Freya schrieb.

Einer hervorragenden Gestalt des Widerstandes, dem Grafen Helmuth James von Moltke, war jetzt eine Lesung gewidmet, die zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Kapelle an der Junkernstraße stattfand. Die beiden Briefe, die von Moltke 1944/45 in der Todeszelle an seine – am 1. Januar 2010 im Alter von 98 Jahren verstorbene – Frau Freya geschrieben hat, wurden von Hans-Joachim Barkenings, Hartmut Herlyn, Okko Herlyn und Irina Scholten unkommentiert und einfühlsam gelesen und durch das Cellospiel von Jörg Hoffmann musikalisch vertieft.

Moltke wollte nicht sterben

Graf Moltkes Briefe, vor und nach der Verhandlung vor Freislers "Volksgerichtshof" geschrieben, zeigen ihn als gläubigen Christen, der in ökumenischer Weite zu denken begonnen hatte. Der erste Brief ist datiert vom 2. Dezember 1944: "Ein merkwürdiges Jahr", wie der Verfasser schreibt. "Ich habe es vor allem unter Leuten verbracht, die für einen gewaltsamen Tod präpariert wurden… Der Tod ist so ein Begleiter des ganzen Jahres geworden." Doch anders als zuvor will Moltke "ganz definitiv" nicht sterben… "Die ständige Arbeit an den Argumenten, mit denen das zu vermeiden sei, hat in mir den Willen, um diese Sache herumzukommen, ganz mächtig angeregt."

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Er sei entschlossen, alles zu tun, was seiner Verteidigung dienen könne. "Und trotzdem, mein Herz, muss ich jeden Augenblick freudig bereit sein, zu sterben, dieses Gefühl dafür bereit zu sein und sich ohne Widerstand gegen Gott darein zu schicken, wenn er es befiehlt, das muss ich mir erhalten."

Von Moltke berichtet über die Verhandlungsführung Freislers. Dessen Rechtsgrundsätze lauten: Einen Verrat begeht, wer es unterlässt, defätistische Äußerung wie die von Moltkes anzuzeigen. Vorbereitung zum Hochverrat begeht, wer hochpolitische Fragen mit Leuten erörtert, die in keiner Weise dafür kompetent sind und Hochverrat begeht, wer sich irgendein Urteil über Angelegenheiten anmaßt, die der Führer zu entscheiden hat. Moltke fasst zusammen: "Hochverrat begeht, wer Herrn Freisler nicht passt."

Kontakte zu Bischöfen

Moltke werden Kontakte zu katholischen Geistlichen, Bischöfen und Jesuiten vorgeworfen. Diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet hat, so sieht es Moltke, den ungeheuren Vorteil, "als wir nun für etwas umgebracht werden, was wir getan haben und was sich lohnt." Nicht Pläne oder Vorbereitungen für Gewalttaten, sondern Fragen der praktisch-ethischen Forderungen des Christentums wurden besprochen. "Dafür allein werden wir verurteilt.

Der zweite Brief trägt das Datum vom 10. und 11. Januar 1945 und wendet sich an die Familie. Kurz vor seiner Hinrichtung weiß sich Moltke in Gottes Hand: "Mein Herz, mein Leben ist vollendet und ich kann von mir sagen: Er starb alt und lebenssatt. Das ändert nichts daran, dass ich gern noch etwas leben möchte, dass ich Dich gerne noch ein Stück auf dieser Erde begleitete. Aber dann bedürfte es eines neuen Auftrages Gottes. Der Auftrag, für den mich Gott gemacht hat, ist erfüllt."

(RP)