Duisburg: Brave Abbildungen sind zu wenig

Duisburg : Brave Abbildungen sind zu wenig

Die Duisburger Filmwoche gilt als das bedeutendste Festival für deutschsprachige Dokumentarfilm-Produktionen. Festivalleiter Werner Ruzicka glaubt, dass sich in den vergangenen Jahren der Dokumentarfilm "dramatisch" verändert hat.

Am Montag, 5. November, 20 Uhr, wird im Filmforum die 36. Duisburger Filmwoche eröffnet. Bis zum 10. November werden dort von morgens 10 Uhr bis gegen Mitternacht Dokumentarfilme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gezeigt und mit den Autoren der gezeigten Filme diskutiert. Am Schluss werden Preise vergeben, darunter auch der von der Rheinischen Post gestiftete Publikumspreis für den beliebtesten Film des Festivals. Werner Ruzicka leitet seit 1985 die Filmwoche. Mit ihm sprach Redakteur Peter Klucken.

Wofür steht die Duisburger Filmwoche?

Ruzicka Man kann sagen, dass die Duisburger Filmwoche für eine Qualität steht, die leider im kulturellen Sektor — oder muss man sagen, der Event-Szene? — immer rarer wird: Konzentration statt Glamour, Maß statt Menge, Diskurs statt Überbietungsrhetorik. Das klingt vielleicht nach "old school", ist es aber durchaus nicht. Gerade unsere jüngeren Gäste vermerken mit Verblüffung und Wertschätzung, dass es so etwas wie "Gesprächskultur" noch gibt. Und wie bereichernd es sein kann, in gemeinsamer Öffentlichkeit über die Dinge der Kunst zu verhandeln. Einer aus dem Team der Filmwoche schrieb einmal: "Anderswo werden Bilder zu Geld. In Duisburg werden sie zu Gedanken."

Wie werden die Filme ausgewählt?

Ruzicka Zunächst besuchen ich und die Mitglieder der Auswahlkommission die verschiedenen einschlägigen Festivals in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dort findet schon eine gewisse Vorauswahl statt - anders ginge es gar nicht. Dann gibt es über das Jahr die Einsendungen, zu denen wir eingeladen haben. Zusammen ergibt das eine ganz schöne Quantität an Filmen, welche die Kommission zu sichten und zu werten hat.

Wie und wann sichtet die Kommission?

Ruzicka Das geschieht in zwei jeweils eine Woche dauernden Auswahlsichtungen. Diese Arbeit nehmen wir sehr ernst - und man kann sich denken, dass sie ziemlich anstrengend ist. Aber in den Diskussionen, die über jeden Film - auch jene, die wir schließlich ablehnen - bildet sich Linie um Linie schon jene Kontur, die das Programm dann haben wird. Und unsere Debatten sind immer ein Gewinn für uns. Denn es geht ja nicht allein um einen einzelnen Film, auch nicht nur um das spätere Programm, sondern allgemein um den Stand des Dokumentarfilms, und damit um den Zustand der Gesellschaft. Am Ende wird dann abgestimmt - alles ganz demokratisch ...

Zum Auftakt wird ein Film mit Duisburg-Bezug gezeigt. Gibt es eine Festivaldramaturgie?

Ruzicka Da geben wir uns große Mühe. Wir wollen in der Tat unser Programm "dramaturgisch" aufbauen: Welchen Film kann man am Vormittag zeigen, oder muss dies sogar, weil er frische, wache Zuschauer erfordert? Was passt in den Rand zur Nacht? In der "prime-time" sehen wir natürlich bevorzugt Erstaufführungen und große Kino-Formate. Natürlich sind auch die Filme aus der Schweiz und Österreich in guter Proportion einzuflechten. Und innerhalb der Tage muss es natürlich auch stimmen: Drei Filme hintereinander, die sich mit ähnlichen Sujets befassen, neutralisieren sich eher. Es kommt immer auch auf einen Tempowechsel an, eine überraschende Wendung. Das hört sich kompliziert an, ein Programm so zu bauen. Ist es auch, macht aber auch großen Spaß, wenn unsere Gäste das merken und mögen. Und zum Eröffnungsfilm: Der hat sich natürlich selbst programmiert ...

Unterscheiden sich die aktuellen Dokumentarfilme von denen, die in den Anfangsjahren des Festivals gezeigt wurden?

Ruzicka Zu Beginn der Filmwochen waren die Arbeiten wortlastiger, "journalistischer". Das Bild spielte eher eine untergeordnete Rolle. Das hat sich in den letzten Jahren - man kann fast sagen: dramatisch geändert. Heute argumentieren die Filme nicht mehr durch Absicht oder Behauptung, sondern durch ein Wechselspiel von wohlüberlegten Bildern und bedachten Bildfolgen.

Da spielen wohl auch die neuen digitalen Produktionsbedingungen eine wichtige Rolle.

Ruzicka Natürlich. Man kann länger, günstiger und ohne großen Aufwand drehen. Auch der Schnitt geht geschmeidiger. Was sich natürlich auch geändert hat, sind die gesellschaftlichen, politischen Rahmenbedingungen. Die Welt und ihre Zeiten sind komplexer geworden. Mit braver Abbildung kommt man da nicht weiter. Mit steilen, aber simplen Thesen auch nicht. Also muss man ran an die Arbeit am Bild, am Begriff.

Was verbirgt sich hinter dem Motto "Räume"?

Ruzicka "Räume" sind ein Thema vieler Dokumentarfilme — sehr konkret in Filmen, die sich zum Beispiel mit Landschaften oder der Architektur befassen. Allgemeiner kann man sagen, dass auch Filme, die von Migration oder Vertreibung handeln, Filme über "Räume" sind; solche, die man verlassen muss, solche, die man erreichen will. Aber auch wenn Menschen geschildert werden: Da sagt der Raum, in dem sie sind oder in den sie gesetzt werden, oft mehr als eine sprachliche Äußerung.

Hier in Duisburg feiert man seit März das Mercatorjahr. Das Motto scheint davon inspiriert zu sein...

Ruzicka Natürlich dachte ich auch an Gerhard Mercator, den großen Sohn unserer Stadt, der vor 500 Jahren geboren wurde. Er hat den "Raum" der Welt ja neu vermessen und ihn "anschaubar" gemacht - also sozusagen die dritte Dimension in der zweiten dargestellt. Übrigens eine interessante Analogie zum Dokumentarfilm...

(RP/rl)
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