Blutspenden in Duisburg: 500 Milliliter Blut für das große Heldengefühl

Reporterin macht den Spendercheck : Eine Bluttat, die belohnt wird

Blut ist Mangelware. Immer weniger Menschen gehen zur Spende. Warum eigentlich? Reporterin Anja Hummel hat beim Blutspendedienst Duisburg nachgefragt – und plötzlich selbst die Nadel in der Vene gespürt.

Es dauert gerade einmal sechs Minuten und vier Sekunden. In dieser Zeit haben sich 500 Milliliter Blut aus meinem Körper verabschiedet – in einen durchsichtigen Beutel links neben mir. Das Gerät piept, die Nadel hängt noch in meiner Vene. Ich höre auf, das Schaumstoffherz in meiner Hand zu „massieren“, da ist auch schon Katy Wardim bei mir. „Sechs Minuten und vier Sekunden?“, sagt die Arzthelferin erstaunt, beinahe anerkennend. „Das ging aber schnell“, schaut sie mich an und lächelt. Wenn das jemand beurteilen kann, dann sie. Seit 24 Jahren arbeitet aufgeschlossene Frau beim Blutspendedienst Duisburg (BZD). Meistens fließt das Blut etwas langsamer – bei manchen dauert es bis zu zwölf Minuten.

Zeit, die immer weniger Menschen investieren. Mittlerweile gibt es gut 20 Prozent weniger regelmäßige Spender als noch vor sieben Jahren. Das ist kein Duisburger Phänomen. „Deutschlandweit geht die Spendenbereitschaft zurück“, sagt BZD-Pressesprecherin Brigitte Dingermann. Eine Blutgruppe ist im Raum Duisburg aktuell besonders Mangelware: Null Rhesus Positiv. Warum? „Man könnte vermuten, dass derzeit viele Menschen mit dieser Blutgruppe krank sind“, schätzt Dingermann.

Natürlich würde ich diesen Mangel mit meiner Spende gerne minimieren. Meine Blutgruppe ist aber eine andere: Null Rhesus negativ. „Die wird immer dringend gebraucht, weil sie universell einsetzbar ist“, kommentiert die Pressesprecherin. Wenn beispielsweise bei schweren Unfällen die Blutgruppe nicht bestimmt werden kann, rettet Null Rhesus negativ jedes Menschenleben. Das hört sich gut an. Umso besser, dass ich schon seit vielen Jahren Blut spende. Zugegeben: Nicht unbedingt regelmäßig. Frauen dürfen viermal, Männer sechsmal im Jahr zum Aderlass.

Vor der Begegnung mit der Nadel muss jeder Blutspender einen Fragebogen ausfüllen. Foto: Arnulf Stoffel (ast)

Natürlich gehört zum Spendersein mehr dazu, als sich für sechs Minuten auf die Liege zu legen. Bevor die Nadel in meine Vene wandert, ist einige Zeit vergangen. Das liegt vor allem daran, dass ich als Spenderin noch nicht im BZD registriert bin. Nach der Anmeldung an der Rezeption bekomme ich zwei Seiten vollgepackt mit Fragen zu Krankheiten, Wohlbefinden, vergangenen Reisen. Ich setze meine Kreuze, lese mir die Info-Blätter durch. Die erste Hürde ist in gut zehn Minuten geschafft. Weiter geht’s zum Gesundheitscheck: Pieks in den Finger, Thermometer ins Ohr, Blutdruckmessgerät am Oberarm. In fünf Minuten ist die Sache erledigt. Die Werte erfahre ich direkt danach von der Ärztin.

Täglich werden etwa 100 Blutspenden im BZD abgezapft. Die am stärksten vertretenen Gruppen sind Männer um die 30 und Frauen um die 20, sagt Brigitte Dingermann. Doch gerade die jungen Frauen dürfen oft nicht spenden – Eisenwert zu gering, Blutdruck zu niedrig lautet die Begründung. Die vielen Hinderungsgründe, schätzt zumindest Brigitte Dingermann, haben die Spendenbereitschaft in den vergangenen Jahren gedämmt. „Die Richtlinien sind immer strenger geworden. Natürlich um die Spender zu schützen. Infektionskriterien nach Urlaub oder Tatowierung sind besonders streng“, so die BZD-Pressesprecherin. Das bekomme selbst ich zu spüren. Vor zwei Wochen war ich im Griechenland-Urlaub. Wo genau, will die Ärztin wissen. Meine Augen werden größer. Darf ich deshalb etwa nicht spenden? „Malariagebiet“, antwortet sie, checkt akribisch die aktuelle Risikosituation. Aber ich habe Glück. Mein Reiseziel liegt im grünen Bereich. Nach dem Gang auf die Waage und einigen belehrenden Worten geht es für mich wieder ins Wartezimmer. Gleich macht es pieks, gleich lasse ich eine Portion Tapferkeit springen.

„Angst vor Nadeln und Zeitmangel sind übrigens die häufigsten Gründe, nicht zum Blutspenden zu gehen“, erzählt Brigitte Dingermann. Sie sitzt neben mir im Wartezimmer. Die meisten Plätze sind frei. „Die Menschen haben heute einfach weniger Zeit als früher“, sagt sie und seufzt. „Die Welt ist einfach sehr virtuell geworden. Es geht schneller, eine Petition zu unterschreiben, als dem Nachbarn zu helfen.“ Der Blutspendedienst lockt mit Aufwandsentschädigung. „Für Fahrtkosten, Parkgebühren, die investierte Zeit“, sagt Dingermann. 20 Euro gibt es ab der zweiten Blutspende, Essen und Trinken bekommt jeder Spender gratis.

Getrunken und gegessen habe ich zu genüge. Ich bin bereit für die Nadel. Arzthelferin Katy Wardim erklärt mir alles. Faust machen, locker lassen, desinfizieren, Nadel auspacken. Ich schaue zur Seite. „Die ist gut geschliffen“, sagt die Arzthelferin. Was sie mir damit sagen will: Die Nadel ist zwar dicker als beim Hausarzt, tut aber weniger weh. Der „Leidensfaktor“ ist entsprechend gering. Kurzer Pieks, das Blut läuft. Die Liege ist bequem, im Hintergrund läuft Musik. Und ehe ich mich versehe, ist der Blutbeutel voll.

Und dann kommt schließlich das Schönste am Blutspenderdasein: das Heldengefühl setzt ein. Ja, ich habe eine gute Tat vollbracht. Direkt darauf folgt auch schon die zweitschönste Blutspendererfahrung: Entspannung! „Möchten Sie einen Kaffee? Ein Käsebrot? Ein Puddinggebäck?“, werde ich gefragt. „Alles“, antworte ich, lasse mich auf dem Sitz in der Cafeteria nieder und freue mich noch einmal ganz in Ruhe über die gute Tat des Tages.

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