Duisburg: Augenrollen in "Marienbad"

Duisburg : Augenrollen in "Marienbad"

Schwere Klänge des Akkordeons hier, tänzelndes Spiel der hellen Querflöte dort, und schon steht den Zuhörern vor Augen, wie eine junge Schönheit sich von Verehrern umgarnen lässt: eine gelungene Lesung aus "Marienbad".

Rheinhausen Einen wirklich heiteren Text von Autor Scholem Alejchem zu finden ist nicht einfach, doch Ursula Jung ist es geglückt. Am Sonntag las sie in der Reihe "Wortklang" in der Bezirksbibliothek aus dem Werk "Marienbad", das Kritiker lobend als den "jüdischen Sommernachtstraum" bezeichnen. 36 Briefe, 13 Billets-doux und 47 Telegramme zeugen in dem Werk von allerlei Tratsch und Komplikationen in dem beschaulichen Kurort für diejenigen, die "mit zu viel Geld und zu viel Bauch gesegnet wurden", wie es heißt.

Viel Geld und viel Sorge

Nicht ohne Sorge schickt der reiche, aber alte Kaufmann Salomon Kurländer in "Marienbad" seine blutjunge zweite Ehefrau Beltschi zur Erholung und Genesung allein zur Kur. Da Beltschi nicht nur blutjung, sondern auch bildschön und obendrein recht naiv ist, hat er zu Hause nicht so recht seine Ruhe.

"Ein Freund, der auch grad in Marienbad weilt, soll auf sie aufpassen, wenn sie flirtet. Obwohl man das im 19. Jahrhundert bestimmt anders genannt hat, aber für heute würde der Ausdruck für das passen, was sie tut", erklärte Jung zu Beginn ihrer Lesung. Besagter Freund erweist sich als nicht so vertrauenswürdig wie erhofft, gehört er doch schnell nach Beltschis Ankunft zu ihren glühendsten Verehrern. Und so entbrennt ein spannender Briefwechsel zwischen Warschau und Marienbad, voller Widersprüche, Skandälchen und Verwicklungen.

Sparsame Mimik, flehende Blicke

Begleitet wurde die Lesung von Irina Zemlyanaya (Geige, Flöte, Gesang) und Boris Orentlicher (Akkordeon, Gesang). Die Instrumente passten wunderbar zur Geschichte und symbolisierten die beiden Hauptfiguren in Melodien: auf der einen Seite das schwere, tiefe Akkordeon, dazu das leichte, tänzelnde Spiel der hellen Querflöte. Die ausgewählten Stücke stammten alle aus dem Genre "Klezmer", wie die traditionelle jüdische Musik genannt wird.

Den Geschmack der etwa 60 Zuschauer traf Jung mit ihrer Textauswahl genau. Zwar war ihre Mimik sparsam, doch ein leichtes Augenrollen bei Beltschis Worten: "Wie kann ich mich kurieren, wenn ich solchen Anschuldigungen ausgesetzt bin? Ich bin von deinen Briefen so aufgeregt und nervös, dass ich dir nicht länger schreiben kann", oder ein flehender Blick bei "Schicke Geld. Schnell. Brief folgt", machten die Figuren lebendig.

(RP)
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