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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: Als die Fabrikschlote noch qualmten

Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten : Als die Fabrikschlote noch qualmten

Keine rauchenden Schlote, keine Kohlehalden, dafür Landschaftspark, Wasserblick im Rheinpark und Tiger & Turtle. Manch ein Tourist muss sein Bild über Duisburg revidieren. Eine Zeitreise in die Vergangenheit.

Das Image der schmutzigen Industriestadt entstand vor gut 150 Jahren. Qualmende Schlote galten als Symbol für Vollbeschäftigung und Fortschritt. Die Schattenseite des Wirtschaftswachstums wurde verdrängt. Die rasant wachsende Industrie ließ ungeklärt Abwässer in Emscher, Rhein und Ruhr fließen. Die galten als natürliche Abwasserrinnen. In der Emscher (“Cloaca maxima„) schwammen die vergifteten Fische kieloben dem Rhein zu. Von Abraumhalden stiegen übelriechende Dämpfe empor oder Gift versickerte im Boden. Aus den Schloten wirbelten Kokereien, Eisenhütten- und Stahlwerke Ruß und schwefligen Rauch in die Luft.

Erste kritische Stimmen wurden laut. Im Jahr 1895 beschwerte sich ein Meidericher Lehrer über die massive Rauch- und Staubbelästigung der Rheinischen Stahlwerke und der Phoenix AG. Der Pädagoge fürchtete um die Gesundheit seiner Schüler und der Anwohner. Die Antwort der Industrie fiel so aus, wie auch heute Antworten der Presseabteilung von Konzernen zu Dieselschadstoffen ausfallen: Für die Phoenix AG war es schlechthin unerklärlich, wie "durch das Abladen der Schlacken Rauch und Staub entstehen soll".

Die Rheinischen Stahlwerke wiesen darauf hin, dass die Belästigung nur durch die Phoenix AG ausgelöst worden sein könnte. Verantwortung wurde verschoben - im Ergebnis änderte sich nichts. Die explodierende Bevölkerungszahl stellte die kommunale Infrastruktur vor zusätzlichen Herausforderungen. Ein Zeitgenosse berichtet über die 1890er Jahre in Hochfeld: "Die Bewohner lassen Pumpen-, Regen- und Spülwasser aus den Häusern laufen, wohin es will, es entstehen sumpfige, stinkende Kloaken", der perfekte Nährboden für Infektionskrankheiten wie Typhus, Cholera und Tuberkulose. Preußen verbot 1877 mittels einer Verfügung den Städten, weiter Exkremente in öffentliche Gewässer einzuleiten.

Langsam bewegte sich etwas in Sachen Gesundheit und Umwelt. Die Arbeiten an einer Kanalisation wurden von der Kommune in Angriff genommen. Daneben plante die Stadt Wald- und Parkgebiete zur Erholung und vaterländischen Erbauung ihrer Bürger. Die Kaiserberganlage und der Meidericher Stadtpark stammen aus jener Zeit. 1928 folgte gar ein Grünflächenplan.

Damit sollte ein Gegengewicht gegen die zunehmende Industrialisierung mit ihrem hohen Flächenverbrauch geschaffen werden. Nach den beiden Kriegen überwogen in den Zeiten des Wiederaufbaus die wirtschaftlichen Interessen - die Schadstoffreduzierung und die Reinhaltung der Gewässer fand wenig Unterstützer. Erst am 1. März 1960 trat in der Bundesrepublik das "Wasserhaushaltsgesetz" in Kraft und Willy Brandt machte 1962 Luftverschmutzung zum politischen Thema.

In den 70er und 80er Jahren entstand die Ökologiebewegung. In Duisburg kämpften die Umweltaktivisten für bessere Luft und "unbehandelte" Natur. Die Bürgerproteste richteten sich gegen die Petrofina Mineralölraffinerie und später gegen die VEBA-Ansiedlung in Orsoy. Die Idee, mit innovativen Umwelttechnologien der Umweltverschmutzung Herr zu werden, fand in der Folge immer mehr Unterstützer.

Ob Umweltforschung an der Universität Duisburg (Urbane Systeme) oder Anwendungslösungen in der Industrie, die Fortschritte zum Beispiel durch energieeffiziente Antriebs- und Steuerungstechniken, Katalysatoren und Rauchgasentschwefelung entfalteten messbare Wirkung.

Maßnahmen für den Klimaschutz und die Luftreinhaltung verbesserten nicht nur die Umwelt, sondern entwickelten sich zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Ungewollt schuf der Strukturwandel in der Hüttenindustrie - Krupp in Rheinhausen, Thyssen in Meiderich, Niederrheinische Hütte in Hochfeld, Zinkhütte Berzelius in Wanheim - Spielräume für die ökologische und ökonomische Erneuerung alter Industriegebiete in Duisburg.

Die gilt es für weitere Verbesserungen zu nutzen. Ein auswärtiger Besucher genießt heute den Blick von der Landmarke Tiger & Turtle: " Das sieht hier gar nicht nach Ruhrgebiet aus - viel Grün, Wegmarken und eine beeindruckende Landschaftsarchitektur."

Zum Weiterlesen: Andreas Pilger, Duisburger Forschungen, Band 61.

(RP)