Bürgerentscheid am Sonntag: Adolf Sauerland bangt um sein Amt

Bürgerentscheid am Sonntag : Adolf Sauerland bangt um sein Amt

Duisburgs Oberbürgermeister (CDU) muss sich am Sonntag einem Bürgerentscheid stellen. Wenn eine Mehrheit von mindestens 91.250 Bürger für seine Abwahl stimmen, wäre er sein Amt los. Der Ausgang der Wahl ist offen. Sauerland wird den Wahltag wohl von zu Hause aus verfolgen.

Sein Stuhl im Historischen Kaufhaus am Freiburger Münsterplatz ist gestern als einziger leer geblieben. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) ist nicht zum Städtetag in den Breisgau gefahren. Sauerland ist krank. Mit Schnupfen und Husten liegt er im Bett. Seine Amtsgeschäfte im Rathaus ließ er zumindest vorgestern ruhen. "Er nimmt bis Sonntag keine öffentlichen Termine mehr wahr", sagt sein Sprecher.

91.250 Bürger erforderlich

Mehr als eineinhalb Jahre nach der Katastrophe auf der Loveparade muss sich Sauerland übermorgen einem Abwahlverfahren stellen. Der Ausgang des Bürgerentscheids ist nach Einschätzung von Wahlbeobachtern völlig offen. Sauerland wäre sein Amt erst los, wenn rund 25 Prozent der 360 .000 Wahlberechtigten — mindestens 91.250 Bürgern — gegen ihn votieren. Gleichzeitig dürfen nicht mehr als diese Anzahl für seinen Amtsverbleib stimmen.

Es wäre das erste Mal in der Geschichte Nordrhein-Westfalens, dass ein Oberbürgermeister vom Volk abgewählt wird. Bislang haben mehr als 30 000 Einwohner ihre Stimme per Briefwahl abgegeben. Für Sauerland spricht die in Duisburg traditionell geringe Wahlbeteiligung. Bei der letzten Kommunalwahl vor drei Jahren lag sie mit 45,7 Prozent deutlich unter dem Landesdurchschnitt.

80.000 Unterschriften

Die Gegner Sauerlands hoffen dennoch, genügend Stimmen gegen den Oberbürgermeister zusammenzubekommen. Sie stützen sich dabei auf die knapp 80.000 Unterschriften, die sie in den vergangenen Monaten gegen Sauerland gesammelt haben, um den Bürgerentscheid nach einer Gesetzesänderung der Gemeindeordnung in Gang zu setzen.

Die Unterzeichner werfen dem Oberbürgermeister vor, nicht die politische Verantwortung für die 21 Toten und mehr als 500 Verletzten auf der Loveparade am 24. Juli 2010 übernommen und sich zu spät bei den Hinterbliebenen entschuldigt zu haben. Sauerland beschädige die Würde des Amtes, die Stadt befinde sich wegen seines Verhaltens in einer Führungskrise, meinen seine Gegner.

Hinter der Initiative stehen auch die Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas, Duisburgs angesehener Alt-Oberbürgermeister Josef Krings (beide SPD) sowie Gewerkschaften und Kirchen. Selbst die FDP und die Grünen sind von Sauerland abgerückt. Die Freidemokraten haben sich sogar auf öffentlichen Kundgebungen demonstrativ auf die Seite der Sauerland-Gegner gestellt. Nur bei der CDU stehen sie geschlossen hinter ihrem Oberbürgermeister.

Verweise auf eigene Verdienste

Beim letzten Parteitag feierten sie ihn mit minutenlangem Applaus und überschütteten ihn mit Lobeshymnen — auch aus politischem Kalkül. Geht Sauerland, nähme wohl ein Sozialdemokrat bei anschließenden Neuwahlen seinen Platz ein. Dass im tiefroten Duisburg ein schwarzer OB regiert, ist nur Sauerland zu verdanken, der vor der Loveparade über alle Parteigrenzen hinweg bei den Bürgern beliebt war. Er galt als hemdsärmeliger Macher, als Politiker zum Anfassen, als einer, der nicht nur redet, sondern auch anpackt.

Sauerland selbst verweist bei fast jeder sich ihm bietenden Gelegenheit auf seine Verdienste für die Stadt. Dass er Sportplätze, Turnhallen und Parkanlagen bauen ließ, die Innenstadt mit zwei neuen Einkaufszentren aufwertete und eine neue Feuerwache errichtete — darüber spricht er gerne. Er habe, so sagt er selbst, die Stadt nach jahrzehntelangem Stillstand vor dem Verfall bewahrt. Dass er nach der Loveparade-Katastrophe jedoch bei vielen nur noch als verantwortungsloser Machtpolitiker wahrgenommen wird, empfindet er als ungerecht.

In den ersten Wochen nach der Tragödie erhielt er Morddrohungen, wurde auf der Straße angepöbelt, beschimpft, bespuckt und mit Ketchup besudelt. Sauerland sieht sich an den Pranger gestellt. Er behauptet weiterhin, dass die Stadt Duisburg nicht für die Katastrophe verantwortlich sei. Bislang wird offiziell gegen 17 Beschuldigte ermittelt, darunter elf städtische Mitarbeiter, jedoch nicht gegen Adolf Sauerland.

"Völlig weiße Weste"

Gegen ihn wird derzeit in einem anderen Zusammenhang wegen Korruptionsverdachts ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Wuppertal geht dem Anfangsverdacht der Vorteilsnahme nach. Es geht um Parteispenden für die Duisburger CDU und Grundstücksgeschäfte im Innenhafen. Sauerland hat alle Vorwürfe als Unfug zurückgewiesen: "Ich habe eine völlig weiße Weste." Im März soll er sich deswegen im Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtages einem Kreuzverhör stellen.

Ob Adolf Sauerland am Sonntag ins Rathaus kommen wird, ist ungewiss. Nach Informationen unserer Zeitung hat er nicht vor, den Ausgang seiner Krankheit abzuwarten. Er soll für den Wahltag Freunde zu sich nach Hause eingeladen haben, um mit ihnen auf das Ergebnis der Abstimmung zu warten.

Hier geht es zur Infostrecke: Chronik der Ereignisse um Adolf Sauerland

(RP/csi/das/top)
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