1. NRW
  2. Städte
  3. Duisburg

Duisburg: 85-Jährige rettet Kind vor Sexualtäter

Duisburg : 85-Jährige rettet Kind vor Sexualtäter

Dem selbstlosen Einschreiten einer 85-jährigen Duisburgerin ist es zu verdanken, dass ein siebenjähriges Mädchen nicht Opfer eines Sexualdeliktes wurde. Ein Mann hatte das Kind in ein Gebüsch gezerrt. Die alte Frau ging mutig dazwischen und wurde dabei schwer verletzt.

Mit schweren Verletzungen liegt Gerda S. im Krankenhaus. Der rechte Arm der 85-Jährigen ist verdreht und gebrochen. Sie hat Platzwunden, Prellungen und Schürfwunden am ganzen Körper. Das Gesicht der alten Frau ist stark angeschwollen. Ihr 51-jähriger Sohn, ihre Schwiegertochter und ihre beiden Enkelkinder Dorian (12) und Julian (13) sitzen neben ihr am Krankenbett. "Oma, wir sind so stolz auf dich", sagen die beiden. "Das war ganz toll, was du gemacht hast. Wir haben dich lieb."

Sie meinen damit das selbstlose und mutige Einschreiten, mit dem ihre Oma ohne Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit am Freitag ein siebenjähriges Mädchen aus den Händen eines Mannes befreien konnte, der gerade dabei war, das Kind in ein Gebüsch zu zerren. "Vor diesem couragierten Verhalten ziehe ich den Hut", sagt Holger Haufmann, Leiter der Duisburger Kriminalinspektion "Wir können zwar noch nicht genau sagen, was der Mann mit dem Mädchen vorhatte, aber sie hat mit ihrem bewundernswerten Einsatz auf jeden Fall Schlimmeres verhindert."

Gerda S. kommt am Freitagnachmittag gegen 15 Uhr von einem Friseurbesuch nach Hause. Sie wohnt im ersten Stock eines achtgeschossigen Hochhauses. Auf dem Spielplatz vor dem Gebäude fällt ihr ein Mann auf, der sich mit drei Nachbarskindern unterhält. "Da ist sie schon stutzig geworden, weil sie ihn vorher noch nie gesehen hatte", sagt ihr Sohn. Zunächst geht sie aber hoch in ihre Wohnung. Von oben aus sieht sie dann, wie der Unbekannte den Kindern Geld geben will. Mit Rufen versucht sie, die Kinder zu warnen. Zwei laufen daraufhin weg. Die Siebenjährige nicht, weil der Mann sie am Arm packt und in ein Gebüsch zerrt.

Gerda S. eilt die Treppe herunter. Mit einem Schlüsselbund stellt sie sich dem Angreifer entgegen. Er schlägt ihr brutal mit der Faust ins Gesicht, dreht ihren Arm um und bricht ihn. Erst als vorbeikommende Passanten laut um Hilfe schreien, lässt er von der schwer verletzten Frau und dem Kind ab und flüchtet. Polizisten spenden der 85-Jährigen spontan Beifall, als sie von den Sanitätern in den Krankenwagen geführt wird.

"Dass eine Frau in diesem hohen Alter so beherzt eingreift, das ist beispiellos", sagt Christiane Pauly, die bei der Polizei für Sexualdelikte zuständig ist. "Sie hat unser aller Respekt verdient. Das ist gelebte Zivilcourage." Das kleine Mädchen wird von Opferseelsorgern der Polizei betreut. Verletzungen und einen Schock habe sie nicht erlitten. "Wir vermuten, dass sie noch nicht begreift, was mit ihr hätte passieren können, wenn ihre Nachbarin nicht eingeschritten wäre", sagt Haufmann.

Der Angreifer kann aufgrund von Zeugenaussagen wenig später in Tatortnähe festgenommen werden. Es handelt sich um einen 27-Jährigen, aus Somalia stammenden und mehrfach wegen Raubes vorbestraften Mann, der seit seiner Kindheit in Duisburg lebt. Erst im März wurde er nach einer vierjährigen Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen. Wegen eines Sexualdeliktes sei er noch nicht auffällig geworden, so die Polizei.

Gerda S. wartet schon seit drei Tagen in ihrem Doppelzimmer in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Duisburg auf die dringend benötigte Operation. Doch die kann sich noch weiter hinauszögern. Denn die 85-Jährige leidet an einer schweren Blutgerinnungskrankheit, die eine anstrengende OP momentan unmöglich erscheinen lässt. Zudem ist sie herzkrank. Selbst die Ärzte können nicht mit Sicherheit sagen, wann sie operiert werden kann. "Wir können nur abwarten und hoffen, dass sich ihre Blutwerte schnell verbessern ", sagt ihr Sohn. "Es kann heute sein, es kann aber auch erst in der nächsten Woche so weit sein."

Es gehe ihr aber den Umständen entsprechend gut. Ihr sei es nur ein wenig unangenehm, jetzt als Retterin oder Heldin dargestellt zu werden. "Ich habe geholfen, weil das für mich ganz selbstverständlich ist. Ich habe keine Sekunde gezögert. Ich musste und wollte dem Kind einfach nur helfen – und das habe ich getan. Das ist für mich das Normalste auf der Welt", hat sie ihrer Familie erklärt.

(RP)