Duisburg: 3000 Jahre alter "Askos" in Gestalt eines Buckelrindes

Duisburg : 3000 Jahre alter "Askos" in Gestalt eines Buckelrindes

In einer kunsthistorischen Serie stellen wir in den kommenden Wochen ausgewählte Werke aus dem privaten Museum DKM vor.

Im ersten Obergeschoss des Museums DKM, gleich neben der Abteilung für altägyptische Kunst, findet sich ein in Europa einzigartiger Sammlungsbestand, auf den die Stifter und Museumsgründer Dirk Krämer und Klaus Maas besonders stolz sind: Eine Gruppe von etwa 20 sehr seltenen tönernen Gefäßen, die in der späten Bronze- und frühen Eisenzeit in Iran entstanden und somit rund 3000 Jahre alt sind. Das Außergewöhnliche an den ausgestellten Krügen und Trinkbechern ist, dass sie nahezu ausnahmslos in Tiergestalt gefertigt wurden. Trotz ihres Alters sehen die stark stilisierten Gefäße verblüffend modern aus und erinnern z.B. an Tierplastiken Ewald Matarés. Unter den ausgestellten Stücken findet sich auch ein etwa 30 cm hohes Gefäß in Form eines Buckelrindes (Zebus). Der rundlich gewölbte Körper bildet einen dynamischen Schwung, der am oberen Ende im charakteristischen Buckel am Hinterkopf sowie zwei kräftigen Hörnern ausläuft. Der vordere Teil des Rinderkopfes wurde als langgezogene, schnabelartige Tülle geformt. Einen grotesken Gegensatz zum rundlich-fülligen Tierleib und dem besonders betonten Hinterteil stellen die deutlich zu kurz geratenen Beinchen des Rindes dar. Ein Blick in die benachbarten Vitrinen verrät, dass es sich hier um ein durchgängiges Merkmal der tiergestaltigen Gefäße handelt, die auch die Form von Widdern, Steinböcken oder Hirschen annehmen können. Bei anderen Details wie dem feinen Steg, der die Wamme markiert, war der Töpfer hingegen um eine naturnahe Wiedergabe bemüht. Im Gesamteindruck entsteht somit eine faszinierende Mixtur aus naturalistischen Elementen, die im dargestellten Tier eindeutig ein Zebu erkennen lassen, und künstlerischen Freiheiten, die dem Gefäß sein modernes Aussehen verleihen.

Wie kam es, dass man im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung derartige Kunstfertigkeit auf das Töpfern von Gefäßen verwandte und warum gab man diesen die Gestalt von Tieren? Der langgezogene und wulstartig geformte Leib des Buckelrindes hält bereits die Antwort auf diese Frage parat: Seit jeher war es Sitte, Tierschläuche als Flüssigkeitsbehälter zu nutzen. Die assoziative Verbindung von Tieren und Gefäßen lag also sehr nah und führte dazu, dass einige der frühesten Gefäße die Form eines solchen Tierschlauchs aufgreifen. Man bezeichnet sie deshalb als "Askoi", was auf den griechischen Begriff "askos" für "Schlauch" zurückgeht. Tatsächlich erinnert auch der Körper des vorliegenden Zebus an einen prall gefüllten, ledernen Wasserschlauch. Der zweite und vermutlich wesentliche Anstoß zur Ausformung tiergestaltiger Gefäße ist jedoch in der Religion zu suchen. Aus ägyptischen oder griechischen Quellen weiß man, dass die frühen Kulturen des Mittelmeerraums in Tieren göttliche Mächte erkannten und dass man Gottheiten Trankspenden in Form von Wasser, Wein, Bier oder Milch darbrachte. Gerade aus der späten Bronze- und frühen Eisenzeit (1600–800 v.u.Z.) hat sich eine große Vielfalt an tiergestaltigen Gefäßen überliefert, die aus dem ägäischen Raum oder dem Vorderen Orient stammen und hier insbesondere aus dem Iran. Einige der schönsten und eigenwilligsten Tiergefäße wurden im Gebiet der heutigen Provinz Gilan im Nordwesten des Landes an der Südküste des Kaspischen Meeres gefunden. Leider ist über die nach der Fundregion benannte Gilan-Kultur nur sehr wenig bekannt. Künstlerisch stand sie, wie auch der "Askos in Gestalt eines Buckelrindes" zeigt, auf einem sehr hohen Niveau. Dass es für die betreffende Epoche der iranischen Kultur praktisch keine schriftlichen Überlieferungen gibt, macht die dort entdeckten Gefäße umso wertvoller, die vom Glauben und den Gebräuchen Ihrer Nutzer erzählen.

Die Autorin, Dr. Heike Baare, ist Kunsthistorikerin im Museum DKM.

(RP)
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