Neue Gedenktafel für Moritz Sommer: Zwei Tage vor Kriegsende gehenkt

Neue Gedenktafel für Moritz Sommer: Zwei Tage vor Kriegsende gehenkt

Düsseldorf (dto). Tragischer kann ein Schicksal kaum sein. Das Kriegsende stand unmittelbar bevor, und der jüdische Klempner Moritz Sommer hatte sich bis dahin erfolgreich vor den Nazi-Schergen verstecken können. Nur zwei Tage vor Einmarsch der Amerikaner entdeckte ihn eine Heeresstreife und kannte kein Erbarmen. Der 72-Jährige wurde auf dem Oberbilker Markt ohne Prozess gehenkt und zur Schau gestellt. Am Freitag enthüllte der Enkel des Ermordeten am Oberbilker Markt eine neue Gedenktafel für seinen Großvater.

Mit einem Schild um den Hals "Verräter am deutschen Volk" wurde Moritz Sommer der Bevölkerung präsentiert. Aus Angst vor drakonischen Strafen wagte niemand, ihn abzuhängen. Vor seiner Hinrichtung war offensichtlich schwer misshandelt worden. Der Klempner aus Oberbilk wurde beschuldigt, Deserteuren geholfen zu haben. Obwohl dieser Vorwurf nicht zutraf, richtete die Heeresstreife Sommer zur Abschreckung der Bevölkerung hin.

Bis dahin hatte sich der alte Mann mit Hilfe seiner Freunde und Nachbarn durchgeschlagen. Der Boxer Heinrich Rondi, Wirt in der Linienstraße 19, wo Sommer wohnte, warnte ihn, wenn Nazis im Anmarsch waren. Andere gaben ihm trotz drohenden Ungemachs Arbeitsaufträge oder boten ihm bei Bombenalarm Unterschlupf. Nachdem er ausgebombt worden war, konnte er sich für einige Zeit in einer Kleingartenanlage an der Redinghovenstraße verstecken - bis er dort von den Nazis aufgegriffen wurde.

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Das Verbrechen an Sommer wurde nie in angemessener Weise gesühnt. In mehreren Prozessen konnten dem Haupttäter, der nur 200 Meter von der Wohnung seines Opfers gewohnt hatte, keine antisemitischen Motive nachgewiesen werden. Er wurde wegen Mordes an Sommer und weiteren Verbrechen am Ende nur zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.

In den 80er Jahren recherchierte die Bezirksverwaltungsstelle 3 das Schicksal des ermordeten Juden. Seitdem erinnerte eine Gedenktafel an ihn, die aber immer wieder als "Biertisch" missbraucht wurde. Sie hat nun einen würdigeren Standort erhalten. Zum 60. Todestag von Moritz Sommer ist sie am Freitag in einer anrührenden Zeremonie im Beisein mehrer Schulklassen, des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Rabbiner Julien-Chaim Soussan, und Bezirksvorsteher Udo Figge von Sommers Enkel, Egon Volkenandt, an der Wand der Polizeiwache am Oberbilker Markt enthüllt worden.

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