Interview mit Cornelia Zuschke: "Zukunft nicht mit der Brechstange planen"

Interview mit Cornelia Zuschke: "Zukunft nicht mit der Brechstange planen"

Seit September ist die neue Stadtplanungs- und Baudezernentin im Amt. Cornelia Zuschke will Düsseldorf zur integrierten Stadt machen. Wir sprachen mit ihr über ihre Vision für Düsseldorf in 20 Jahren.

Frau Zuschke, über Darmstadt, wo Sie zuvor Planungsdezernentin waren, sagten Sie, sie sei eine "unfertige Stadt". Was ist Ihr Eindruck von Düsseldorf?

Zuschke Eine unglaublich dynamische Stadt, aber mit weniger Luft zum Verdichten. Hier muss man kreativer sein.

Was sind Ihre Hauptziele?

Zuschke Ich will die Bedingungen in dieser Stadt und die Stärken Düsseldorfs konzeptionell zusammenfassen. Wir müssen der Dynamik begegnen, ob Wohnen, Gewerbe oder Industrie, und gleichzeitig die Besonderheiten Düsseldorfs bewahren. Wo kommt die Stadt her, was prägt sie, was macht ihren unvergleichlichen Charme aus? Dazu gehört vor allem die unglaubliche Schönheit, die sich durch die Flusslandschaft entlang des Rheins durch die Stadt zieht. Ich hab sie mir von Monheim bis Meerbusch mit dem Fahrrad erobert und finde sie fantastisch.

Gehört Fahrradfahren zu Ihrem Alltag?

Zuschke In Düsseldorf leider noch nicht so richtig. Ich muss erst mal die sicheren Wegstrecken kennenlernen.

Man hört, dass Sie den Bereich Verkehr nicht nur kommissarisch, sondern dauerhaft betreuen. Von Ihren früheren Posten kennen Sie diese Kombination.

Zuschke Das stimmt. Aber ob ich es behalte, wird sich zeigen.

Was wäre Ihr Konzept?

Zuschke Düsseldorf ist beim Autoverkehr am Limit. Jetzt müssen intermodale Lösungen her. Der Weg ist bereits eingeschlagen, durch die neue U-Bahn, den Vorrang für Busse und Bahnen, die neuen Fahrradstrecken wie auf der Friedrich- und der Elisabethstraße. Es ist richtig, das zu erproben, um herauszufinden, wie der Radverkehr bei der endgültigen Umgestaltung eingebunden wird. Natürlich muss der Autoverkehr ein Stück weit eingeschränkt werden. Wenn mehr Menschen aufs Rad oder den ÖPNV umsteigen, kommen die verbliebenen Autos besser durch.

Sie machen sich auch für die Grüne Welle stark, durch den Vorrang für Busse und Bahnen wird die aber oft unterbrochen ...

Zuschke Man muss das Gesamtnetz betrachten, andernfalls würde die Grüne Welle bedeuten, dass alles andere stagniert. Wenn also mal eine Straßenbahn kommt, müssen die Autofahrer eben warten. Das wissen und respektieren die meisten auch. Aber ich möchte noch etwas anderes betonen: Bei Bahn- oder Fahrradfahrern darf in der Betrachtung nicht Schluss sein. Wir haben auch noch Fußgänger. Und es ist wichtig, dass wir ihnen sichere, kurze und attraktive Wege bieten. Denn bei Strecken unter zwei Kilometern braucht man in der Regel kein Verkehrsmittel, wenn der Weg attraktiv ist.

Wenn man an Düsseldorf in der Nachkriegszeit denkt, war vieles durch die autogerechte Stadt bestimmt ...

Zuschke In jeder Phase unserer gesellschaftlichen Entwicklung wird irgendeinem Bedürfnis Rechnung getragen. Manches hat man nicht gesehen, übersehen und musste es städtebaulich hinterherziehen. Aber genau dafür gibt es Stadtplanung, um die Komplexität zu beantworten und Gesamtlösungen zu finden. Gerade die Nachkriegszeit ist dafür ein gutes Beispiel: Mit welcher Unverzagtheit und bürgerlichem Gleichklang damals klug Wohnraum geschaffen wurde. Dann die 1960er und 1970er Jahre mit dem Wirtschaftswunder, der Freude an Technik und der autogerechten Stadt. Und heute fragen wir uns, was das Paradigma der Dichte nach sich zieht.

Wie werden Großstädte wie Düsseldorf in 20 Jahren sein?

Zuschke Lebensorte. Leben und Arbeiten zu vereinbaren, wird eine große Rolle spielen. Die Arbeit nicht nur, um zu existieren, sondern um zu leben. Die Stadt wird stärker ein Ort sein, mit dem der Einwohner sich identifiziert. Lebensentwürfe spielen eine große Rolle, weil die Trennung von Leben und Arbeiten, Familie und Arbeiten, entfallen sein wird.

Das klingt sehr philosophisch, wie ist das in der Praxis?

Zuschke Wir brauchen starke Stadtbezirke und müssen sie mit Werkzeugen wie zum Beispiel dem Programm "Starke Menschen, starke Quartiere" fördern. Denn die Bezirke und Stadtviertel sind unterschiedlich, aber mit jeweils fast ähnlich zentralem Kern. Dichte und Versorgung, Nähe und Arbeiten, die Stadt der kurzen Wege, aber auch der Stadtbezirk als Identität spielen dabei eine Rolle. Das Gesamtstädtische ist die Verbindung - zum Beispiel der Rhein, der Flughafen, die Messe. Für das verbindende Daseinsnetz braucht es aber Erreichbarkeit, öffentliche Räume und auch noch Parkplätze. Wir dürfen Zukunft nicht mit der Brechstange planen, sondern müssen sie aus dem "Jetzt" entwickeln in das, was wir wollen.

Die Flächen in Düsseldorf sind begrenzt, und es gibt unterschiedliche Bedürfnisse - Wohnen, Gewerbe, Verkehr. Wie geht das zusammen?

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Zuschke Noch vor ein paar Jahren dachte man überwiegend sektoral, hier Gewerbe, dort Wohnen. Heute verändert sich das zusehends. Das Störende schrumpft, drumherum lassen sich Dienstleister nieder. In einem solchen Umfeld lassen sich neue Nachbarschaften aufbauen zwischen Wohnen und Arbeiten.

Welche Rolle spielen Hochhäuser?

Zuschke Eine immer größere. In den USA kann man sehen, dass sich im Hochhaus auch die Bedürfnisse nach Identität für unterschiedliche Geldbeutel spiegeln. Wobei Hochhäuser für Wohnen und für Büros zu unterscheiden sind. Sie sind Geschwister, aber keine Zwillinge.

Wohnhochhäuser werden uns noch stärker beschäftigen. Was geht auf dieser engen Fläche?

Zuschke Wir müssen im öffentlichen Raum Nutzraum und Verweilraum verbinden. An Bahnstrecken, großen Straßen oder Gewerbegebieten haben wir bisher kein Wohnen. Das sollte sich ändern.

Das ist gesetzlich schwierig?

Zuschke Ja, wir brauchen dafür neue Regelungen. Aber nicht nur das, sondern auch architektonische Übersetzungen. Für die Gebäude müssen wir Ideen finden, etwa mit anderen Nutzungen zu der lärmzugewandten Seite. Möglichkeiten wären neue Formen von Laubengängen oder eine gezielte Ausrichtung. Der Hafen ist ein gutes Beispiel - die Industrie macht Lärm, trotzdem möchte jeder dorthin blicken.

Wo ist Wohnraum an den Stadträndern denkbar?

Zuschke Ich bin noch in der Recherche. Ich fahre alles mit dem Rad ab, an den Wochenenden. Zum Teil aber auch gemeinsam mit meiner für Grünflächen zuständigen Beigeordneten-Kollegin Helga Stulgies. Wir planen dazu eine fachbereichsübergreifende Konferenz, um herauszuarbeiten, wo Tabus und wo Potenziale sind. In diesem Zusammenhang ist es übrigens auch hochinteressant über Flächen-Rochaden nachzudenken, also kleineren Gewerbebetrieben andere Areale anzubieten, um an deren Stellen Wohnen zu ermöglichen.

Was ist mit Aufstocken von Häusern?

Zuschke Der Ideenpool ist noch nicht ausgeschöpft. Wir sind in einer Art Erprobungsphase, ob es besser ist, im Bestand aufzustocken oder gleich neu zu bauen. Allerdings muss die Bundesregierung noch beim vereinfachten Bauleitplanverfahren nachbessern. Solange die derselben Umweltprüfung unterliegen, geht es nicht schneller.

In den früheren Ostblock-Staaten erleben Hochhäuser ein Revival. Ist so etwas auch bei uns denkbar?

Zuschke In den 1960er Jahren entstanden dort die Siedlungen aus der sektoralen Planung; schnell, effizient und mit dem Ziel, als Stadtvision der Zukunft etwas Neues zu schaffen. Sie haben den Zyklus aber nicht überstanden. Jetzt kommen sie wieder hoch, weil die Not erfinderisch macht. Ich halte das auch hier für denkbar, sogar Siedlungen mit Sozialwohnungen und Hochpunkten zu verbinden. Wichtig ist nur, dass die Mischung passt. Da zieht die Seniorin neben den jungen Banker, daneben stehen Townhouses im Gebiet.

Die Mischung ist das eine, was ist mit der Qualität?

Zuschke Es muss nicht Luxus sein. Wertvoll ist nicht nur, was schön, sondern was nachhaltig ist. Dazu gehören soziale Räume, Grün, die richtige Mischung von diesen Raumqualitäten eben.

Wie stehen Sie zu Architektenwettbewerben?

Zuschke Ich bin eine Verfechterin davon. Jedes Preisgericht ist wie Wellness für die Architektenseele, man lernt stetig dazu.

DENISA RICHTERS UND UWE-JENS RUHNAU FÜHRTEN DAS INTERVIEW.

(RP)
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