Yad Vashem ehrt Düsseldorfer als Gerechte der Völker

Düsseldorfer Geschichten: Ehre für (k)eine ganz normale Familie

Josef und Maria Otten haben 1942 entfernte jüdische Verwandte vor der Gestapo versteckt und damit vor der Deportation gerettet. Die internationale Holocaustgedennkstätte Yad Vashem ehrt das Ehepaar als Gerechte der Völker.

Ein Frühlingstag an der Mosel. Es ist 1939, der Zweite Weltkrieg nur einen Herzschlag entfernt und doch kaum mehr als ein fernes Donnergrollen für die Menschen, die da zusammengekommen sind. Aus Düsseldorf, aus Essen und sogar aus Rom sind sie angereist, zum Familientreffen der Belgos, und auf Fotos scheint es, als sei es ein schöner Tag gewesen, und das Bedrückende, das sie in jener Zeit fraglos gespürt haben, vorübergehend in den Hintergrund gedrängt.

Sechs Jahre später wird einer von ihnen in einem russischen Kriegsgefangenenlager bis zur Erschöpfung arbeiten. Einer wird irgendwo vermisst bleiben und sein Sohn gefallen sein. Und einer wird schriftlich niederlegen, dass zwei der anderen ihm in ihrem Keller das Leben gerettet haben.

Er unterschreibt das Papier mit schön geschwungenen Buchstaben. Emanuel Israel Nooitrust. Den Beinamen, den ihm die Nazis aufgezwungen haben, wagt er auch ein Jahr nach der Befreiung nicht wegzulassen. Er ist 61 Jahre alt.

Sie haben die Geschichte verändert.

Sein Tod war beschlossene Sache gewesen. Beim Frühstück nach der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 waren sich Heydrich, Eichmann und die anderen Mörder einig gewesen, dass die Endlösung auch für Juden aus sogenannten Mischehen gelten müsse. Emanuel und sein Bruder Salomon, genannt Sally, sollten mit Millionen anderen sterben. Die Nazis hatten die Rechnung ohne Maria und Josef Otten gemacht. Die Gemüsehändler vom Düsseldorfer Marktplatz am Rathaus verändern die Geschichte der Nooitrust-Brüder.

Viele Jahre hat ihre gemeinsame Geschichte in einer Blechkiste geschlummert. Günther Otten, Enkel von Maria und Josef, kennt sie seit seiner Kindheit. Wenn der Opa die Teekiste, ein Überbleibsel aus dem Lebensmittelgeschäft, das er nach dem Krieg in Pempelfort gegründet hatte, öffnete, dann erzählte er dem kleinen Günther von Bertchen und Ännchen, von den Urgroßeltern Belgo und ihrem Sohn Willi, der nach Italien ausgewandert war. Als Günther zum ersten Mal von dem Mann hört, der im Keller seines Elternhauses fast ein Jahr lang versteckt gewesen ist, ist er gerade mal zehn und ahnt nichts von Geschichte. Und als er mit zwölf das vergilbte Papier liest, das Emanuel „Israel“ Nooitrust seinem Großvater geschrieben hat, da ist er vor allem fasziniert vom Alter des brüchigen Schriftstücks. Und der Opa sieht keinen Grund, dem Kind zu erklären, was für ein mächtiges Gewicht in den Worten steckt.

Das Elternhaus, von dessen Keller in dem Schreiben die Rede ist, ist bei jenem Familientreffen an der Mosel noch nicht lange im Familienbesitz. Willi Belgo, der es in Rom zu einigem Wohlstand gebracht hat, hatte seiner Schwester Maria 1935 den Auftrag und das Geld gegeben, um das Haus Winkelsfelder Straße 14 zu erwerben. Dafür sollte sie sich um die Eltern kümmern.

Die oberen Etagen werden vermietet, ins Erdgeschoss ziehen Maria und Josef Otten mit Marias Eltern und Sohn Günter, der damals 15 Jahre alt ist. Die Wohnung wird zum Treffpunkt der Großfamilie, zu der auch Marias Schwester Bertchen gehört. Ihr Mann Salomon, genannt Sally, handelt, wie die meisten aus den Niederlanden stammenden Nooitrusts, mit Stoffen. Gelegentlich nimmt er Günter mit in die Synagoge. Sein Neffe nennt ihn Opa Sally und macht sich nicht viele Gedanken darum, dass der Onkel Jude ist. Als 14-Jähriger hat er an der Kasernenstraße gestanden, wo die Synagoge in Flammen stand, und nicht verstanden, warum die Feuerwehr ihre Wasserrohre nur auf die Nachbargebäude richtete und den Brand des Gotteshauses nicht einmal zu löschen versuchte.

Als Ehemann der Christin Bertchen Belgo lebt Salomon in einer sogenannten privilegierten Mischehe weitgehend unbehelligt von den Nazis. Auch sein jüngerer Bruder Emanuel, der in Essen ebenfalls mit Stoffen handelt, ist mit einer deutschen Christin verheiratet.

Die SS erpresste den Enkel des Juden

Die „Mischehe“ schützt Sallys und Bertchens Tochter Ännchen zwar zunächst vor der Verfolgung durch das Regime. Aber die dunkelhaarige strenge Schönheit leidet viel öfter als ihre Brüder am staatlich geförderten Antisemitismus. Frühere Freunde schneiden sie plötzlich, Nachbarn grüßen nicht mehr. Wie mag sie sich gefühlt haben, als die Waffen-SS ihren großgewachsenen blonden Sohn Josef eingezogen hat? War sie am Ende stolz darauf? Immerhin waren die Nooitrusts, deren Familie aus den Niederlanden stammt, durchaus gute Deutsche. Onkel Emanuel hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft. Auch seine Auszeichnungen als Frontkämpfer, der dem Vaterland sogar seinen Fuß geopfert hatte, dienen ihm anfangs als Schutz vor den Nazis.

Als Kinder sind seine Neffen Josef und Karl-Heinz oft bei ihm in Essen zu Besuch gewesen. Viele Ferien haben sie bei ihm verbracht. Josef wird von allen wie sein Opa „Sally“ gerufen. Bis er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wird. Ab dann sagt niemand mehr den jüdischen Kosenamen. Und es ist wohl während des Arbeitsdienstes, dass die SS Josef Spanke, der nach ihren eigenen verquasten Rassegesetzen ein Vierteljude ist, für sich gewinnen will. Ihr Argument heißt Erpressung. „Man hatte ihm gesagt, dass er mit seinem Dienst für die Waffen-SS seinen Großvater vor Repressalien schützen könnte“, hat Günther Jahrzehnte später herausgefunden. Ein Nein hätte bedeutet, Salomon in Gefahr zu bringen. Und so wird aus Josef Sally der Rottenführer Spanke.

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Günther Otten weiß nicht viel über die ersten Kriegsjahre und wie das Leben seiner Familie damals war. Sie werden, wie so viele, versucht haben, irgendwie zurecht zu kommen. Sie sind nicht politisch engagiert, auch keine sonderlich religiösen Menschen. Der Gemüsestand am Markt kann die Familie nicht ernähren. Josef Otten ist gelernter Mechaniker. Bis 1934 ist er als Chauffeur tätig. Sein Chef Siegfried Thannhauser hatte 1927 als Medizinprofessor das Hydro-Therapeutische Institut der Medizinischen Klinik geleitet und den Grundstein für den Fachbereich der heutigen Uni-Klinik gelegt. Der renommierte Mediziner wurde allerdings 1934 abgesetzt und als Hilfsarbeiter an die Heidelberger Universität geschickt. Ihm gelang ein Jahr später die Emigration nach Boston.


Die eigene Verzweiflung lässt die Hilfsbereitschaft wachsen

Josef Otten wird unterdessen bei Mercedes in Düsseldorf angestellt. Während des Krieges ist er dort zuständig für die Umrüstung von Autos mit Holzgas-Generatoren. Zeitweise wird er für die Heimatflak dienstverpflichtet. Maria ist Luftschutzwartin Ihr Sohn Günter ist längst eingezogen. Die letzte Nachricht erhalten sie von der Ostfront. Seit dem Frühjahr 1944 ist Günter vermisst.

In Essen erhält zu dieser Zeit der Stoffhändler Emanuel die Aufforderung, sich zu seiner Umsiedlung in den Osten einzufinden. Panisch fragt er Freunde und Verwandte nach einem Ausweg. Niemand hilft. Sein Bruder Salomon, der in Düsseldorf noch immer den Schutz genießt, den sein Enkel ihm durch den Beitritt zur Waffen-SS erkauft hat, will das nicht hinnehmen. Er wendet sich schließlich an den Schwager seiner Tochter Bertchen.

Maria und Josef Otten sind zu dieser Zeit am Boden. Ihre Feldpostbriefe an Günter kommen als unzustellbar zurück. Die Ungewissheit quält das Paar. „Es war wohl diese Verzweiflung“, sagt ihr Enkel Günther heute, „die ihre Bereitschaft zur Hilfe wachsen ließ.“

Ohne zu zögern, richten die Ottens im Keller einen Raum für Emanuel her. Und sie teilen ihr Essen mit ihm, denn natürlich bekommt er längst keine Lebensmittelkarten mehr. Nun erweist es sich fast schon als Segen, dass das Haus durch Luftangriffe schwer beschädigt wurde. Die oberen Etagen gibt es nicht mehr – also auch keine neugierigen Mieter. Und selbst wenn: Maria hat als Luftschutzwartin die Hoheit über den Kellerschlüssel. Sie achtet schon darauf, dass bei Fliegeralarm niemand an Emanuels Versteck herankommt. Der nutzt manchmal diese Stunden, in denen die Düsseldorfer starr vor Angst in Bunkern und Kellern sitzen, um endlich einmal dem Keller zu entfliehen. Dann setzt er sich Marias Luftschutzhelm auf und spaziert durch die rauchgeschwängerten Straßen. Manchmal gibt es Streit deshalb. Denn mit den seltenen Ausflügen bringt Emanuel sie alle in Gefahr.

Neun lange Monate bleibt er in seinem Kellerversteck. Gelegentlich besucht ihn lange nach der Sperrstunde sein Bruder Sally, oft begleitet von seinem Enkel Karl-Heinz. Dessen Bruder fällt im Oktober 1944 in Norditalien. Die Kameraden von der Waffen-SS finden mitfühlende Worte für die Eltern, schreiben von Rottenführer Josefs Heldentod für Führer und Vaterland. Drei Tage später bekommen auch die Großeltern Post: Die Gestapo fordert Salomon Nooitrust auf, sich umgehend zur Deportation zu melden. Sally packt eilends ein paar Sachen zusammen und verschwindet wie sein Bruder im Keller der Ottens.

Im April 1945 wird Düsseldorf von den Alliierten befreit. Emanuel Nooitrust kehrt als gebrochener Mann aus dem Versteck zurück nach Essen. Salomon führt sein Geschäft in Düsseldorf weiter. Über die Monate im Keller wird nicht gesprochen. Nur als Josef Otten 1946 eine Gewerbeerlaubnis braucht, bittet er Emanuel um das eingangs genannte Schriftstück, das den Ottens ermöglicht, ein Lebensmittelgeschäft zu eröffnen, das sie bis in die 1960er Jahre führen werden.

Die Brüder werden das Trauma der Verfolgung niemals los.

Emanuel erholt sich nie von dieser Zeit. 1947 stirbt er in Essen. Sein Bruder Sally bleibt in Düsseldorf. In seinem An- und Verkaufsladen am Worringer Platz wird er eines Tages von Räubern überfallen. Traumatisiert zieht er sich völlig zurück. Der Kontakt zwischen den Familien reißt ab.

Bis Günther Otten, der als Erwachsener mit seinem Vater viele Stunden über die Geschichte sprach, sich an die Mahn- und Gedenkstätte wandte. Eigentlich wollte er nur die Erklärung Emanuel Nooitrusts für das Stadtgedächtnis beisteuern. Doch die Historiker wollten mehr erfahren, Vater Günter berichtete vor der Kamera von seinen Erlebnissen und dem, was er von den Eltern weiß. Nach dem Tod seines Vaters landet die Teekiste bei Günther Otten. Der nimmt sie sich 2014 noch einmal vor, stößt auf den Namen von Karl-Heinz Spanke, dem Enkel von Salomon. Der lebt in Gerresheim, ist gern bereit, über das Kellerversteck zu reden. Lange Jahre hat er das nicht getan. Sein Zeitzeugen-Bericht reichte der internationalen  Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, um im September 2015 Josef und Maria Otten in die Liste der Gerechten der Völker aufzunehmen. Vor Kurzem  wurde das Paar mit einer Feierstunde im Landtag geehrt.

Außer Josef und Maria Otten sind in Düsseldorf nur fünf Menschen bekannt geworden, die in der Welt des Hasses Menschlichkeit und Nächstenliebe über alles stellten.