Serie Unser Rhein: Wo Düsseldorf zur Insel wird

Serie Unser Rhein: Wo Düsseldorf zur Insel wird

In Hamm ticken die Uhren noch anders als in der lauten Düsseldorfer Innenstadt. Und das ist auch gut so.

Die Stille fällt als Erstes auf. Unterbrochen wird sie höchstens einmal von einem vorbeifahrenden Trecker oder einem Auto. Ansonsten ist es still in Hamm. Natürlich nicht totenstill, lachende Kinder vom Spielplatz sind oft zu hören, Stimmengewirr aus den Cafés und Biergärten und vom Strand ebenso. Aber das ist ja auch kein Krach, zumindest nicht der Krach, vor dem man flieht, wenn man sich zu dem kleinen Ort direkt am Rhein aufmacht.

Denn sobald man den alten Industriehafen und seine Fabrikgebäude, deren Schornsteinen schon lange nicht mehr qualmen, hinter sich gelassen hat, verändert Düsseldorf sein Gesicht: Die Stadt, die doch so gerne immer und überall Metropole sein möchte, wird plötzlich merkwürdig klein, wird zum Dorf Hamm. Oder zu "Kappes-Hamm", wie Kenner gerne sagen, in Anlehnung an die landwirtschaftliche Tradition des kleinen Ortes direkt am Rhein, der sich seinen eigentümlichen Charakter bis heute bewahrt hat. Hamm ist wie eine Insel, abgeschottet und ganz anders als der Rest von Düsseldorf. Das fällt gleich bei der Einfahrt ins Dorf auf: Über die Kuhstraße und dann über die Hammer Dorfstraße gelangt man ins Zentrum von Hamm. Straßennamen, die man in der Innenstadt vergeblich suchen wird.

In Hamm dagegen bleibt die Suche nach Hektik erfolglos. Gemächlich erledigen die Hammer ihre Einkäufe, man grüßt sich, bleibt auf einen Plausch kurz stehen, man kennt sich eben. "Für mich ist Hamm der schönste Ort auf der Welt. Ich wohne schon mein ganzes Leben hier und bin sogar in Hamm geboren", sagt Franz-Josef Annas. Gemeinsam mit seiner Frau führt er das Lebensmittelgeschäft Annas an der Florensstraße. Auf wenigen Quadratmetern bietet Annas so ziemlich alles an: Milch, Kaffee, Brot, Wurst. Er ist der einzige Versorger in Hamm, der nächste Supermarkt ist in Bilk eine gefühlte Ewigkeit entfernt. Und seine Kunden sind ihm treu: "Wir kennen uns hier alle. Und jeder ist willkommen ", sagt Annas. 1952 hat sein Vater den Laden eröffnet, ein bisschen wie in den 50er Jahren fühlt es sich noch heute an. In Hamm ticken die Uhren anders, und natürlich geht man zum kleinen Laden um die Ecke, wenn noch etwas im Kühlschrank fehlt.

Und auch so ist Hamm ein ganz sonderbarer Ort, die Ampeln zum Beispiel, die gibt es gar nicht. Warum auch, bei nur einer Handvoll Straßenzügen? An der Grundschule hat man deshalb bereits vor einiger Zeit eine Übungsampel für die Kinder angeschafft, damit diese sich später auch fernab der Insel im Straßenverkehr zurechtzufinden. Als Autofahrer hat man es ebenfalls nicht leicht: Durfte man auf dem Hinweg noch eine Straße benutzen, geht das auf dem Rückweg oftmals nicht mehr. Einbahnstraßen, Straßen mit beschränkten Nutzungsrechten und Sackgassen machen Hamm zum Labyrinth für Autofahrer. Aber es ist ohnehin viel schöner, den Ort zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erkunden.

Was beruhigt schon mehr als Beständigkeit? Seit 1952 unterhält die Familie von Franz-Josef Annas das Lebensmittelgeschäft an der Florensstraße. Foto: Endermann, Andreas (end)
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Letzteres tun ziemlich viele, besonders am Wochenende nach einer langen Fahrradtour am Rhein entlang. Denn weil auf diesem Weg eben auch Hamm liegt, machen sie Rast im Dorf. Oft ist das Bauern-Café gleich an der historischen Rochuskapelle, ihr Rastplatz. Nur Selbstgemachtes servieren Heinz und Christa Schwiertz dort. Kuchen und Salat, dazu Kaffee oder ein Radler. Vor acht Jahren eröffneten sie das Café. "Aber es hat gut vier Jahre gedauert, bis sich das überhaupt rumgesprochen hat bei den Ausflüglern. Hier kommt ja so leicht keiner hin", sagt Heinz Schwiertz. Tatsächlich bleibt das Ortsinnere von Hamm wohl meist den besonders Neugierigen vorbehalten, der Rest begnügt sich mit der Aussicht auf den Rhein, entlang des Deiches oder direkt am Ufer. Schade eigentlich, gibt es doch so einiges zu entdecken, wie die Palme vor der Rochuskapelle oder selbst gemalte Straßenschilder.

Ein treuer Besucher ist auch Peter-Uwe van Hasselt. Zwar lebt er in Bilk, um mit seinem Hund Joy spazieren zu gehen, kommt er aber immer nach Hamm. "Den Lärm hab ich bei mir vor der Haustür. Hier ist es so schön ruhig", sagt er. Meist läuft er mit Joy bloß am Rheinufer entlang, selten gehe er hoch ins Dorf, aber wenn, sei es immer nett dort. "Ich esse dann etwas in der Gaststätte. Mit dem Wirt bin ich per Du. Aber ich glaube, in Hamm sind alle miteinander per Du. Das ist doch schön."

Überhaupt ist die Gemeinschaft in Hamm ein hohes Gut. Das zeigt sich vor allem beim Schützenfest einmal im Jahr, bei dem dann das ganze Dorf auf den Beinen ist. Anders als die vielen anderen Vereine in Düsseldorf scheint man sich hier keine Sorgen machen zu müssen über den Nachwuchs und wie es weitergeht und so. Das ist schon klar: Wer in Hamm lebt, wird irgendwann auch Mitglied bei den Schützen. Und wer in Hamm lebt, der will auch meist nicht mehr weg. "Ich bin hier geboren und aufgewachsen und kann mir gar nicht vorstellen, woanders hinzuziehen. Gerade für Familien mit Kindern ist das ein toller Ort zum Leben", meint zum Beispiel Sandra Zörnen.

Hamm ist ein merkwürdiger Ort. Es gelten ganz andere Gesetze als in den anderen Stadtteilen von Düsseldorf. Ruhe, Gemächlichkeit und Gemeinschaft bestimmen das Miteinander am Rhein. Und vielleicht ist gerade deshalb ein Ausflug so lohnenswert. Von der Stadt weg, dahin, wo Düsseldorf zur Insel wird.

(lai)
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