Deutschland - Serbien: WM: Katzenjammer statt Korso

Deutschland - Serbien : WM: Katzenjammer statt Korso

Deutschlands Niederlage bei der WM bescherte der Polizei einen ruhigen Nachmittag. Weder mussten Sperrungen eingeleitet werden, noch kam es zu nennenswerten Auseinandersetzungen in der Altstadt. Fröhlich feiernde Serben verwandelten die Königsallee in eine Partymeile.

Um 15.24 Uhr beginnt der Autokorso. Ein einzelner Opel mit Viersener Kennzeichen biegt von der Königsallee in die Blumenstraße. Laute Musik dringt aus dem Fahrzeug, wildes Hupen, dazu werden zwei Fahnen aus den Fenstern geschwenkt.

Doch sie sind nicht schwarz-rot-gold, sondern rot-blau-weiß: Serbien hat Deutschland soeben eine empfindliche Niederlage bei der Fußball-WM in Südafrika beigebracht. Und während sich das in Deutschland-Farben geschmückte Partyvolk langsam aus der rappelvollen Altstadt trollt, feiert die Balkan-Dependance der Landeshauptstadt in vollen Zügen.

Zu nennenswerten Zwischenfällen kommt es dabei nicht. Das von der Polizei im vorhinein für den Fall eines Autokorsos erarbeitete Sperrkonzept für Heinrich-Heine-Allee und Königsallee muss nicht greifen — weil der Korso ausfällt. Für zwei Stunden drehen fröhliche Serben ihre Runden durch die Innenstadt, mit 15, vielleicht 20 Autos.

Dazwischen mischt sich das eine oder andere Fahrzeug mit deutschen Fähnchen, wohl einfach um des Hupens willen. Doch der Verkehr bleibt zu jeder Zeit flüssig. Auch in der Altstadt gibt es bis auf einige wenige Scharmützel zwischen Betrunkenen keine Vorkommnisse.

"Alles ruhig, keine Strafanzeigen", bilanziert am Abend Polizeisprecher Wolfgang Wierich. Die Tageszeit, das Wetter, das Ergebnis — keine gute Kombination für eine ausgelassene, bierselige Party mit all ihren üblichen Begleiterscheinungen. Lediglich am Burgplatz versuchen einige Serben, einen richtigen Korso mit mehreren Fahrzeugen zu inszenieren. "Die haben wir aber immer schnell abgeleitet", sagt Wierich.

Stunden zuvor war die Altstadt noch auf Feiern eingestellt gewesen. Die Straßen waren wie leer gefegt, die Kneipen und die Kasematten hingegen überfüllt. Letztere mussten von Security-Mitarbeitern regelrecht abgeriegelt werden, um einen weiteren Zustrom von Fans zu verhindern.

Doch dann folgen Kloses gelb-rote Karte, Jovanovics Tor und Podolskis verschossener Elfmeter. "Wir haben frühzeitig Abwanderungsbewegungen aus der Altstadt festgestellt", sagt Wierich. Da wegen des guten Spiels der deutschen Mannschaft aber auch der Frust-Pegel der Fans nicht allzu groß ist, bleibt alles friedlich. Um 15.45 Uhr, nur eine halbe Stunde nach dem Spiel, leitet auch die Rheinbahn bereits wieder Straßenbahnen in Richtung Bolker Stern.

Dort, am Taxistand, haben sich Stojan und Slavica Tomic postiert. Die beiden Serben sind seit 40 Jahren in Deutschland — "und genau so lange haben wir auch auf diesen Sieg gewartet".

Sie winken ihren vorbeifahrenden, Fahnen schwenkenden Landsleuten zu, zeigen das Victory-Zeichen. "So richtig geglaubt daran haben wir bis heute morgen nicht", sagt Slavica Tomic. Was den Stimmungsumschwung bewirkte? "Wir haben mit Verwandten in der Heimat telefoniert. Die erzählten uns, das Lothar Matthäus, der früher bei Partizan Belgrad Trainer war, gesagt hat, dass Serbien eine Chance hat."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Serben feiern ihren Sieg mit einem Autokorso

(RP)
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