Interview Sabine Tüllmann: "Wir wollen Altersarmut bekämpfen"

Interview Sabine Tüllmann: "Wir wollen Altersarmut bekämpfen"

Die Bürgerstiftung Düsseldorf gehört deutschlandweit zu den erfolgreichsten ihrer Art. Vorstandsvorsitzende Sabine Tüllmann will verstärkt auf junge Menschen zugehen. Deutlich erhöht wird der Notgroschen für Senioren.

Frau Tüllmann, die Bürgerstiftung will mehr bedürftige Senioren unterstützen. Was planen Sie?

Tüllmann Wir wollen den Notgroschen für Senioren, mit dessen Hilfe Betroffene beispielsweise eine kaputte Waschmaschine oder Mikrowelle ersetzen können, von 10.000 Euro pro Jahr auf wahrscheinlich 30.000 Euro aufstocken.

Warum?

Tüllmann Weil wir erkannt haben, dass die Altersarmut zunimmt. Bei allem Wohlstand, der uns gerade in Düsseldorf umgibt, ist das ein ernstes Thema, wo wir - im Rahmen unserer Möglichkeiten - gerne ein wenig mehr gegensteuern wollen.

Stimmt es also, dass Arme immer ärmer und Reiche immer reicher werden?

Tüllmann Nach meinem Eindruck und dem, was unsere Mitarbeiter mitbekommen, ist da etwas dran. Die Spaltung der Gesellschaft verschärft sich, auch wenn viele Eckdaten für Deutschland und erst recht für Düsseldorf positiv sind. Aber solche Daten beschreiben ja nur ein positives Gesamtbild, die Realität dahinter ist vielschichtig. Mir bereitet das auf jeden Fall Sorgen. Eine weitere Vertiefung dieser Kluft ist am Ende auch schädlich für unsere Demokratie.

Betrifft das nur Senioren?

Tüllmann Aber nein. Wir unterstützen ja mit unserem Projekt "Gesund und Munter" auch Grundschulen, die in Quartieren liegen, in denen die Familien oft jeden Euro zweimal umdrehen müssen. Und wir fördern begabte Kinder aus materiell schwierigen Verhältnissen mit inzwischen 20 Stipendien. Ärmer zu sein, bedeutet für viele Kinder eben auch, dass sie kein gesundes Frühstück oder Mittagessen bekommen, sich zu wenig bewegen und beim Bildungsaufstieg benachteiligt sind.

Dass Düsseldorf eine Stadt mit viel Wohlstand ist, kommt der Bürgerstiftung zugute. Bundesweit ist sie eine der erfolgreichsten ihrer Art.

Tüllmann Das ist so und darauf können wir 13 Jahre nach unserer Gründung wirklich stolz sein. Wir nähern uns einem jährlichen Spendenetat von insgesamt 700.000 Euro. Damit liegen wir gemeinsam mit Hamburg bundesweit an der Spitze. 2015 waren wir die Nummer 1, ein Jahr später dann die Hamburger, gefolgt von uns. Dass wir eine solche Summe überhaupt erreichen, liegt auch daran, dass rund die Hälfte unserer Spendeneinnahmen von Stiftern kommt.

Besonders erfolgreich ist ihr 2015 auf den Weg gebrachtes Projekt "Düsseldorf setzt ein Zeichen".

Tüllmann Mit einem solchen Zuspruch hatten wir wirklich nicht gerechnet. In den drei Jahren kamen fast 400.000 Euro zusammen. Dazu hat sicher beigetragen, dass uns im vergangenen Jahr auch Prominente wie Campino, Jacques Tilly, Tonhallen-Chef Michael Becker und Pater Wolfgang Sieffert unterstützt haben.

Wer profitiert von diesem Engagement?

Tüllmann Wir verteilen das auf verschiedenste Einrichtungen, das Geld kommt sozial Benachteiligten aller Altersklassen, Kindern und Jugendlichen genauso wie hilfsbedürftigen Senioren zugute. Zuletzt wurden für 50.000 Euro Gutscheine verteilt, die in Real-Märkten eingelöst werden konnten. Größere Summen flossen in den Notgroschen für Senioren. Und das Café Grenzenlos, in dem Bedürftige für sehr wenig Geld in einem angenehmen Rahmen gut essen können, hat 5000 Euro bekommen.

2015 stand die Initiative im Zeichen der Flüchtlinge, von denen viele nach Deutschland kamen. Damals dominierte das Stichwort "Willkommenskultur" die Debatte. Etwas später wurden kritische Töne hörbarer. Wie ist die Stiftung damit umgegangen?

Tüllmann Natürlich schafft der Zuzug so vieler Menschen Probleme. Die will auch niemand unter den Teppich kehren. Aber die Aktion war genau richtig, sie hat weit in die Stadtgesellschaft hineingewirkt und die Herzen vieler Düsseldorfer berührt. Motto der Aktion war und ist es ja, ein Zeichen gegen Armut, für Mitmenschlichkeit und gegen jedwede Ausgrenzung zu setzen. Das bleibt zeitlos gültig. Hinzu kommt: Von diesen Einnahmen profitieren alle Bedürftigen gleichermaßen, egal ob Flüchtling oder in Not geratener Düsseldorfer. Wir unterscheiden nicht nach Herkunft, sondern schauen auf die Bedürftigkeit.

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2016 und 2017 haben Sie auf große Auftritte unter freiem Himmel verzichtet. Was planen Sie dieses Jahr?

Tüllmann Ich würde mich über eine große öffentliche Abschlussaktion freuen. Es sind aber noch ein paar Fragen zu klären.

Die Stiftung lebt vom Engagement Freiwilliger...

Tüllmann Allerdings. Mit anderthalb Stellen in der Geschäftsführung sind wir in der Verwaltung sehr schlank aufgestellt. Dafür haben wir rund 60 Ehrenamtler, die allein im vergangen Jahr 11.000 Stunden in den Projekten gearbeitet haben. Das ist nicht selbstverständlich und macht einen großen Teil unseres Erfolges aus. Hinzu kommt, dass wir eine Art Stiftungsnetzwerk geschaffen haben.

Was heißt das konkret?

Tüllmann Dass wir uns bestimmte Aufgaben mit anderen, darunter die Herzog-Stiftung, die van-Meeteren-Stiftung und die Breucker-Stiftung, teilen. So hat beispielsweise die Breucker-Stiftung 20.000 Euro in Brillen investiert, die sich Obdachlose und andere Bedürftige sonst nicht hätten leisten können.

Sie können trotz aller Erfolge der Bürgerstiftung nicht jedem helfen. Schmerzt das?

Tüllmann Natürlich. Aber unsere Möglichkeiten richten sich nach dem Spendenaufkommen. Und das ist endlich.

Wie wählt man aus, wer Geld von der Stiftung bekommt?

Tüllmann Wichtig ist uns, dass es schnell und unbürokratisch geht. Trotzdem prüfen wir bestimmte Kriterien ab. Schließlich soll derjenige von unserer Hilfe profitieren, der sie tatsächlich braucht. Und bei den Schulen machen wir es so, dass wir nur an Standorten, die wir betreuen, auch Projekte fördern.

Wer prüft eigentlich die einzelnen Fälle, bevor tatsächlich Geld fließt?

Tüllmann Das machen die Wohlfahrtsverbände, mit denen wir sehr gut kooperieren. Sie verfügen über das nötige Know-how und Fingerspitzengefühl. Wer einen Antrag stellt, soll sich schließlich nicht als Bittsteller fühlen. Viele Menschen genieren sich ja, um Unterstützung zu bitten, nehmen nicht einmal die staatlichen Leistungen in Anspruch, die ihnen zustehen. Wir halten die Schwellen bewusst niedrig, aber ganz ohne Kontrolle geht es nicht.

Wie wollen Sie jüngere Menschen erreichen?

Tüllmann An diesem Thema arbeiten wir gerade unter der Zeile "Die junge Bürgerstiftung". Zum Konzept gehört, dass wir mit einem Kindersachenmarkt verstärkt 30 bis 40-Jährige ansprechen. Geplant ist auch ein Clubabend im Quartier Bohème, an dem wir die Ziele der Bürgerstiftung jungen Leuten vorstellen. Event-Spezialist Christian Erdmann hat sich dazu Gedanken gemacht. Besonders froh sind wir auch über einen Ehrenamtler für unser Projekt Bolzplatzhelden, der 35 Jahre jung ist und im Schichtdienst arbeitet. Immer wenn er frei hat, betreut er die Kicker. Das ist der Geist, von dem unsere Stiftung lebt.

JÖRG JANSSEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)