Wie sich Schauspielhaus und Boulevard in Düsseldorf in die Quere kommen

Düsseldorfer Kulturszene : Wie sich Schauspielhaus und Boulevard in die Quere kommen

Die Boulevard-Theater kämpfen um ihr Publikum. Theaterleiter René Heinersdorff schaut kritisch auf das hoch subventionierte Stadttheater. Dort will man aber auch lustig sein dürfen.

Es wird wieder gespielt an den Düsseldorfer Theatern. Im Schauspielhaus stehen es in der kommenden Woche drei Premieren an. Auf dem Boulevard startete die „Komödie“ mit „Der grüne Affe“, am Freitag bringt das „Theater an der Kö“ die Uraufführung „Sie lieben und wissen nichts“ von Moritz Rinke heraus.

Ganz ungetrübt verlief die Sommerpause allerdings nicht. In die Schlagzeilen um die bedrohte „Komödie“ mischte sich eine kritische Äußerung zur „zunehmenden Boulevardisierung der städtischen Häuser“. Sie kam von René Heinersdorff und löste einen kleinen Theaterdonner aus. Was genau meint er damit? „Ein Phänomen, das ich quer durch die Republik beobachte“, antwortet er. „Immer häufiger werden Aufführungen in teilweise absurden Spielstätten zu Events umgestaltet. Man tut, als wäre das etwas Neues. Stimmt aber nicht. Wir haben das in Kiel mit Intendant Daniel Karasek schon vor Jahrzehnten mit Schwimmhalle, VW-Bus oder Leuchtturm gemacht.“

Der Versuch, Zuschauer auf diese Weise abzuholen, sei durchaus legitim, meint Heinersdorff. Studien untermauern einen Trend von klassischen Theateraufführungen hin zu „Erlebnisabenden“. „Ich bemängle nur, dass hoch subventionierte Häuser diesem Drang nachgeben“, sagt Heinersdorff. „Wenn die Karten dann noch zu Sonderkonditionen vertickt werden, treibt es mir die Sorgenfalten ins Gesicht. Wir können uns das finanziell nicht erlauben und müssen auf dem freien Markt bestehen.“

Auch eine gar zu offensichtlich auf die Publikumsgunst schielende Stückeauswahl der Stadttheater behagt ihm nicht. Aber sollen diese Häuser denn keine Komödien spielen dürfen? Mit „Willkommen“, einer Inszenierung von Sönke Wortmann, feiert das Schauspielhaus im zweiten Jahr große Erfolge. Das Stück von Lutz Hübner entstand als Auftragsproduktion des Düsseldorfer Theaters. Es entpuppte sich als Grenzgänger, viele Boulevardbühnen spielen es nach. „Ist das nicht wunderbar?“ fragt Robert Koall, Chefdramaturg des Schauspielhauses. „Ich sehe das als positive Entwicklung. Als ich in den 80er-Jahren anfing, ins Theater zu gehen, gab es eine scharfe Trennung. Da war das Boulevardtheater gesellschaftlich nicht anerkannt. Das hat sich zum Glück geändert. Ich liebe diese Hybridgeschichten.“

Als Beispiel nennt er „Tschick“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf. „In Düsseldorf wurde das Stück am Jungen Schauspiel aufgeführt, in Dresden und Hamburg an städtischen Theatern, anderswo wieder an Jugend- und sogar Amateurbühnen.“ Ebenso omnipräsent ist die französische Autorin Yasmina Reza. „Kunst“ war eines der ersten Stücke im „Theater an der Kö“. Später zeigte das Schauspielhaus „Drei Mal Leben“. Danach schnappte sich Heinersdorff „Gott des Gemetzels“, Regie führte Ex-Schauspielhaus-Intendant Günther Beelitz. Durchgereicht werden auch die Stücke von Alan Ayckbourne. Hier kommt erneut Heinersdorff ins Spiel. Er holte einst die Deutsche Erstaufführung von „Außer Kontrolle“ in die Münchner Kleine Komödie. „Dann zeigte es Jürgen Flimm am Residenztheater, und plötzlich war Ayckbourne hoffähig“, erinnert er sich. Wo verläuft für ihn die Grenze? „Ein Rezept? Nein. Ich richte mich nach meinem Lebensgefühl, das mir sagt: keine Stücke mit hoffnungslosem Ende.“ Seine aktuelle Premiere „Wir lieben und wissen nichts“ sei allerdings auch keine glasklare Komödie. Die Uraufführung würde ebenso gut ins Schauspielhaus passen, glaubt er. Moritz Rinke habe sich jedoch ausdrücklich für den Boulevard entschieden. „Ich fische also ebenfalls“, sagt er und lacht.

Robert Koall orientiert sich nur daran, ob ein Stoff gut oder schlecht, interessant oder uninteressant ist „Und das quer durch alle Genres. Wir sind offen und haben den Auftrag, die ganze Bandbreite abzudecken. Komödien gehören auch dazu, die Mischung macht´s.“ Im übrigen sei das alles eine Pseudodebatte. Natürlich komme es gelegentlich zu Überschneidungen, warum auch nicht? „Wir haben in Düsseldorf sehr gute Boulevardbühnen. Da muss man jetzt keine Spaltung herbeireden.“