Mein Laden: Wie eine zweite Haut

Mein Laden: Wie eine zweite Haut

Jutta Scharf bietet an der Dorotheenstraße unter dem Label "Extra JS Scharf" Mode an, die wie eine Tätowierung wirken kann. Die Unikate werden größtenteils individuell auf Wunsch der Kunden aus recycelten Materialien angefertigt.

Jutta Scharf gibt eigentlich Nachhilfe, vor allem in Mathe, sie ist studierte Chemikerin. Das ist die eine Seite ihres Lebens. Die andere gehört der Mode. Wenn man das, was sie produziert, überhaupt als Solche bezeichnen kann. Denn viele ihrer Stücke erscheinen wie eine Tätowierung. Eng am Körper liegende T-Shirts und Kleider aus recyceltem Funktionspolyester mit runenartigen Motiven, die wie eine zweite Haut wirken und ein kleine, oft versteckte Botschaft beinhalten. "Extra JS Scharf" hat die Designerin das Label genannt, unter dem sie ihre Kollektionen vertreibt.

"Ich habe schon mit 15 Jahren angefangen, T-Shirts zu bemalen, später auch zu besticken, das war lange ein Hobby von mir", erzählt Scharf. Vor gut sieben Jahren reichte ihr das nicht mehr aus, und die Idee, Mode zu kreieren, die sie gerne als "Kunst to go" bezeichnet, nahm Überhand. In dem kleinen Doppel-Geschäft Mi Camino an der Dorotheenstraße 28, in dem Kunden vorrangig Korsetts für sie und ihn erwerben können, war sie anfangs zwar auch zu festen Zeiten anzutreffen, das ließ sich aber mit ihrem Nachhilfejob und dem schier unbändigen Drang, zeichnen zu müssen, nicht vereinbaren. "In den Sommerferien arbeite ich gerne mal sechs Wochen am Stück durch", sagt sie. Inzwischen läuft vieles über das Internet, wo sich die Interessentinnen Modelle, Farben, Motive und Materialien baukastenartig zusammenstellen und ordern können, "ich komme auf telefonische Anfrage aber ebenso gerne vorbei und präsentiere meine Kollektionen", sagt Jutta Scharf. Aber auch im Partner-Laden gibt es Exponate, die man in ihrer Abwesenheit sofort erwerben kann.

Da es sich um individuell in einer Manufaktur in der Nähe von Dresden angefertigte Fair-Trade-Unikate aus recycelten Materialien handelt, sind die "extra scharfen" Modelle der 43-Jährigen nicht ganz billig. 70 bis 80 Euro kostet etwa ein Shirt von Jutta Scharf, "dafür muss ich mich von Kunden dann auch schon mal beschimpfen lassen, das sei zu teuer. Dennoch werde ich nicht von meinem Anspruch abrücken", erklärt die Derendorferin.

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Jutta Scharf ist Fortuna- und Tote- Hosen-Fan und hat jetzt - auf der momentanen Erfolgswelle schwimmend - ein sehr feminines Outfit für die weiblichen Anhänger des Noch-Zweitligisten kreiert. Auch das natürlich ein Unikat, "wenn nun plötzlich Hunderte von Bestellungen reinkommen, hätte ich ein Problem", räumt sie ein. 15 bis 20 Entwürfe schafft sie pro Jahr. Mit dem Bleistift vorzeichnen, mit dem Filzer nacharbeiten, die Grafik am PC, Druck, Nähen, der Schnitt, "das schafft man natürlich nicht alles an einem Tag". Sie arbeitet dabei eng mit dem Grafiker Christian Wedde zusammen. "Wir hatten am Anfang so unsere kreativen Schwierigkeiten, zusammenzufinden, sind inzwischen aber ein eingespieltes Team", so die Designerin.

Jutta Scharf provoziert gerne, genießt die abfälligen Blicke von Menschen aus der Ferne, wenn die denken, ein von Kopf bis Fuß Tätowierter würde sich ihnen nähern, und die dann plötzlich fasziniert erkennen, es handelt sich um Mode. Genauso freut sie sich, wenn Kundinnen in dem Glauben, sie bräuchten XL, das Geschäft betreten und mit einer S-Größe glücklich wieder gehen. "Alles eine Frage des Selbstbewusstseins", sagt Jutta Scharf. Sie steht mit ihrem Geschäft immer noch am Anfang, weiß aber genau: "Ich mache auf jeden Fall weiter."

(arc)
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